Seitentitel: Die unendliche Geschichte Hörbuch, Stefan Kaminski - Rezensionsexemplar
Es gibt Bücher, die man nicht mehr liest, sondern besucht, so wie man einen Ort besucht, an dem man als Kind gelebt hat. Genau dieses Gefühl hatte ich, als ich die neue Hörbuchfassung von Michael Endes Die unendliche Geschichte gehört habe, eingelesen von Stefan Kaminski. Ein Text, den ich seit meiner Kindheit kenne, hat sich plötzlich wieder neu angefühlt, und genau das war der Grund, warum ich diesen Beitrag in alle drei meiner üblichen Perspektiven aufteilen wollte.
Als Leserin
Ich kann nicht behaupten, dass ich Die unendliche Geschichte unvoreingenommen gehört habe. Zu viele Erinnerungen hängen an diesem Text, an Bastian, der sich heimlich auf dem Dachboden seiner Schule versteckt, an Atréju und seine Suche, an den Glücksdrachen Fuchur. Was mich überrascht hat, war, wie schnell die neue Aufnahme diese Erinnerungen überschrieben hat. Kaminski liest nicht einfach vor, er erschafft Phantásien neu, mit jeder Stimme, mit jedem Tonfall. Die uralte, gurgelnde Stimme der Morla oder das dröhnende Grollen des Felsenbeißers haben mich sofort wieder in diese Welt hineingezogen, und ich habe mich beim Hören mehrfach erwischt, wie ich vergessen hatte, dass ich die Handlung längst kenne. Genau das ist für mich das Zeichen einer wirklich gelungenen Vertonung, sie schafft echte Spannung, auch wenn man das Ende kennt.
Als Lektorin
Handwerklich betrachtet ist diese Neuaufnahme vor allem eine Lektion in Figurendifferenzierung. Bei einem Text mit derart vielen unterschiedlichen Wesen, von Menschen über Drachen bis hin zu reinen Fabelwesen, ist es eine echte Herausforderung, jede Stimme klar erkennbar und gleichzeitig stimmig zum Charakter zu halten. Kaminski schafft das, ohne in Karikatur zu rutschen, was bei einem Stoff wie diesem keine Selbstverständlichkeit ist. Was mir aus Lektorinnensicht besonders auffällt, ist der Umgang mit dem Spannungsbogen über die gesamte Spielzeit. Endes Originaltext ist episodisch aufgebaut, Bastians Reise durch Phantásien besteht aus einer Aneinanderreihung von Abenteuern, die strukturell nicht immer gleich stark sind. Die Mitte des Buches zieht sich, das war schon beim Lesen so und bleibt im Hörbuch grundsätzlich spürbar. Kaminski federt diese Längen aber geschickt ab, über bewusste Tempowechsel im Vortrag, die den Text an Stellen straffen, wo er das selbst nicht tut.
Als Autorin
Was mich als Autorin an diesem Text immer wieder neu beeindruckt, ist seine Rahmenkonstruktion. Eine Welt, die durch das Lesen selbst lebendig gehalten wird und die zu verschwinden droht, sobald niemand mehr an sie glaubt, ist ein erzählerisches Wagnis. Es funktioniert nur, wenn jedes Detail aus der Rahmenhandlung später eine Funktion in der eigentlichen Geschichte bekommt, und genau das gelingt Ende mit bemerkenswerter Konsequenz. Beim erneuten Hören bin ich besonders auf die Übergänge zwischen Bastians Realität und Phantásien gestoßen, wie sauber diese beiden Ebenen ineinandergreifen, ohne dass eine die andere überflüssig macht. Für meine eigene Arbeit an einem Roman mit mehreren parallelen Erzählsträngen ist das eine wertvolle Erinnerung daran, wie viel Erzählökonomie es braucht, um zwei Welten gleichzeitig glaubwürdig zu halten.
Am Ende bleibt für mich vor allem ein Gefühl von Dankbarkeit, dass ein Text wie dieser eine zweite Stimme bekommen hat, die ihm gerecht wird. Fünf Sterne für eine Neuaufnahme, die einen über vierzig Jahre alten Klassiker noch einmal vollständig zum Leben erweckt.