How to Lose a Lord in 10 Days – Sophie Irwin - Rezension - Rezensionsexemplar
Es gibt Bücher, bei denen man als Lektorin innerlich mitzählt, wie oft eine Wendung eigentlich nur dem Plot dient und nicht der Logik der Figuren. Genau das ist mir bei How to Lose a Lord in 10 Days von Sophie Irwin passiert, und trotzdem habe ich das Buch mit einem breiten Grinsen zu Ende gelesen. Manchmal ist genau das die interessanteste Ausgangslage für eine Rezension, ein Buch, das handwerklich nicht perfekt ist und einem trotzdem nicht aus der Hand fallen will.
Die Grundidee ist herrlich überspitzt. Lydia Hanworth wird von ihrer Familie zu einem Heiratsantrag gedrängt, den sie eigentlich gar nicht will, und beschließt deshalb, ihren Verlobten Lord Ashford mit allen Mitteln loszuwerden. Schlecht erzogen, schrecklich gekleidet, möglichst irritierend, das ist ihr Plan. Dass genau diese Strategie ihn nur noch mehr fasziniert, überrascht niemanden, der das Genre kennt, aber das ist auch nicht der Punkt. Der Reiz liegt im Weg dorthin.
Als Leserin
Ich habe dieses Buch in einem Zug durchgelesen, was bei mir nicht so häufig vorkommt, wie es vielleicht klingt. Die Dynamik zwischen Lydia und Ashford hat von der ersten gemeinsamen Szene an funktioniert, dieses ständige Hin und Her zwischen Widerstand und Anziehung, das im Enemies-to-Lovers-Trope so gut funktioniert, wenn es richtig gemacht ist. Hier ist es richtig gemacht. Lydia ist dabei keine reine Sympathiefigur, ihr Verhalten ist streckenweise wirklich unausstehlich, aber genau das hat mich an ihr interessiert. Sie handelt aus einer nachvollziehbaren Angst heraus, nicht aus reiner Boshaftigkeit, und das gibt der Komik einen emotionalen Boden, den ich nicht erwartet hatte. Ich habe gelacht, ich habe mitgefiebert, und ich habe an mehreren Stellen vergessen, dass ich eigentlich mit einem kritischen Blick lesen wollte.
Als Lektorin
Genau hier beginnt die andere Seite der Geschichte. Die Konfliktarchitektur des Buches ist im Kern klar gebaut, ein äußerer Konflikt, der über die Handlung hinweg einen inneren Wandel erzwingt. Das funktioniert solide. Was weniger gut funktioniert, ist die Plausibilität einzelner Eskalationsstufen. Manche von Lydias Sabotageversuchen wirken weniger wie eine organisch entwickelte Handlung als wie ein Vorwand, um die nächste komische Szene zu ermöglichen. Das ist kein Beinbruch, RomComs leben von einer gewissen Großzügigkeit gegenüber der Plausibilität, aber an einzelnen Stellen hätte ich mir gewünscht, dass die Logik mit der Komik mitgehalten hätte. Die Charaktermotivation von Lydia bleibt davon zum Glück unberührt, sie bleibt durchgehend nachvollziehbar, auch wenn ihre Mittel fragwürdig sind. Ashford hingegen bleibt etwas konturärmer, seine Wandlung von distanziert zu hingerissen hätte ich mir einen Tick differenzierter gewünscht.
Als Autorin
Was ich als Schreibende aus diesem Buch mitnehme, ist vor allem ein Gespür für komisches Timing über Dialog. Irwin lässt einen Großteil der Handlung über Gespräche laufen, und das funktioniert, weil beide Hauptfiguren von Anfang an klar unterscheidbare Stimmen haben. Man merkt beim Lesen sofort, wer spricht, auch ohne Sprecherkennzeichnung, das ist ein Handwerk, das ich selbst noch üben möchte. Interessant fand ich auch, wie viel erzählerisches Risiko Irwin eingeht, wenn sie ihre Protagonistin aktiv unsympathisch werden lässt, um ein Ziel zu erreichen. Das ist mutig, weil es Leserinnen und Leser an manchen Stellen herausfordert, bei Lydia zu bleiben. Dass es trotzdem funktioniert, liegt an der durchgehenden inneren Logik ihrer Angst, auch wenn die äußere Handlung nicht immer ganz mithält. Für meinen eigenen Roman nehme ich vor allem mit, wie viel Tragfähigkeit ein Buch durch Tonfall gewinnen kann, selbst wenn die Plotarchitektur an einzelnen Stellen wackelt.
Am Ende bleibt für mich ein Buch, das mehr über seine Stimme als über seine Struktur trägt. Wer eine clevere, dialoggetriebene Regency-RomCom sucht und kleinere logische Schwächen großzügig verzeihen kann, wird hier bestens unterhalten. Wer historische Romance vor allem wegen einer wasserdichten Plotarchitektur liest, wird an einzelnen Stellen stutzen. Ich vergebe 4 von 5 Sternen, mit einem Lächeln gegeben und ohne jeden Vorbehalt gegenüber dem Spaß, den dieses Buch mir gemacht hat.