The Wind Weaver von Juli Johnson – Buchrezension - Rezensionsexemplar
Manchmal weiß man schon beim Aufschlagen, dass ein Buch einen etwas kosten wird, nicht an Zeit, sondern an Geduld mit sich selbst. The Wind Weaver von Juli Johnson ist in der deutschsprachigen Buchcommunity seit Wochen in aller Munde, der Hype ist real, und ich wollte mir selbst kein Urteil erlauben, bevor ich fertig gelesen hatte. Jetzt bin ich fertig. Und ich habe drei Dinge zu sagen: als Leserin, als Lektorin, als Autorin.
Als Leserin
Johnsons Sprache hat mich von der ersten Seite an mitgenommen, und das meine ich ohne jeden Vorbehalt. Ihre Sätze haben Rhythmus. Die Dialoge klingen nicht konstruiert, sondern echt, was im Fantasygenre keine Selbstverständlichkeit ist. Ich habe die ersten Kapitel mit echter Neugier gelesen und dachte mehrfach: Hier ist jemand, der weiß, wie Sprache wirkt.
Irgendwo auf der Hälfte des Buches hat sich das verändert. Nicht dramatisch, eher schleichend. Ich habe gemerkt, dass ich lese, aber nicht mitfiebere. Dass die Geschichte sich bewegt, aber ich mich nicht mit ihr bewege. Am Ende konnte ich keinen der Hauptcharaktere benennen und sagen: Den vermisse ich jetzt. Das ist für mich das ehrlichste Urteil, das ich als Leserin fällen kann.
Als Lektorin
Aus der Lektorinnen-Perspektive ist das Problem von The Wind Weaver gut beschreibbar, auch wenn es nicht leicht zu beheben wäre: Die Hauptfiguren sind funktional, aber nicht lebendig. Sie handeln, weil die Handlung es braucht, nicht weil man das Gefühl hätte, sie könnten gar nicht anders. Ihre Motivationen bleiben an der Oberfläche, ihre inneren Widersprüche werden kaum entwickelt, und das, was Figuren für mich zu echten Menschen macht, nämlich das Gefühl, dass sie auch dann existieren, wenn die Kamera nicht auf sie gerichtet ist, fehlt hier weitgehend.
Besonders schade finde ich den Umgang mit den Nebenfiguren. Es gibt Charaktere in diesem Roman, die interessanter sind als die Protagonistinnen, die aber konsequent an den Rand geschoben werden, sobald sie anfangen, Kontur zu gewinnen. Das ist eine dramaturgische Entscheidung, die ich nicht nachvollziehen kann.
Der fehlende Spannungsbogen ist eine direkte Folge davon. Spannung entsteht nicht durch Ereignisse allein, sondern durch Menschen, denen man etwas gönnt oder nicht. Wenn die Figuren einem egal sind, kann der Plot noch so viele Wendungen haben, er trägt nicht.
Als Autorin
Was nehme ich als Schreibende mit aus diesem Buch? Vor allem eine Bestätigung von etwas, das ich selbst immer wieder neu lernen muss: Sprache ist nicht Erzählen. Man kann außerordentlich schön schreiben und trotzdem eine Geschichte erzählen, die nicht trägt, weil die Figuren nicht atmen.
Johnson zeigt, wie viel in einem Erstlingswerk über Stil investiert wird, oft auf Kosten von Tiefe. Das ist kein Vorwurf, das ist ein Muster, das ich selbst kenne. Die Energie geht in den Satz, in den Klang, in die Welt, und die Figuren bekommen das, was übrig bleibt. Ich frage mich bei meinem eigenen aktuellen Projekt nach jeder Szene neu: Würde ich diese Figur vermissen, wenn sie aus dem Buch verschwände? Wenn die Antwort nein ist, muss ich nochmal ran.
The Wind Weaver ist ein Versprechen, kein eingelöstes. Aber ich bin gespannt, was Juli Johnson als nächstes macht.
3 von 5 Sternen.