Heartless Hunter von Kristen Ciccarelli – Buchrezension - Rezensionsexemplar

Es gibt Bücher, bei denen ich nach dem Lesen sehr genau weiß, warum ich sie nicht mit fünf Sternen bewertet habe, und gleichzeitig nicht ganz erklären kann, warum ich sie trotzdem fast nicht aus der Hand legen konnte. Heartless Hunter von Kristen Ciccarelli, der erste Band der Rote-Nachtfalter-Reihe, ist so ein Buch.

Als Leserin

Die Atmosphäre hat mich erwischt, bevor ich mich versehen konnte. Ballsäle, gesellschaftliche Hierarchien, der subtile Druck auf Frauen, die Fassade zu wahren, und darunter eine Welt, in der Hexerei existiert und verfolgt wird. Diese Kombination hat von Anfang an eine Spannung erzeugt, die ich mochte, eine Eleganz, die etwas Bedrohliches unter sich birgt. Ich konnte die Welt glauben, obwohl das Worldbuilding nicht besonders ausführlich ist, weil das Wesentliche stimmig war.

Die Figuren sind die eigentliche Stärke. Ich habe selten in einem Romantasy-Roman Charaktere gelesen, die so konsequent innere Konflikte neben äußeren tragen. Jeder kämpft nicht nur gegen die Handlungsumstände, sondern gegen sich selbst. Manche Figuren habe ich im Verlauf des Buches komplett neu bewertet, was mich immer freut, weil es zeigt, dass ich ihnen nicht auf den ersten Seiten schon auf den Grund gesehen habe.

Was mich als Leserin manchmal herausgerissen hat, war das Foreshadowing. Ich mag Hinweise, die sich erst rückblickend erschließen. Hier wurden mir einige davon zu deutlich präsentiert, fast schon signalisierend, was mich als Leserin in die Rolle der Passiven gedrängt hat, anstatt mir das Entdecken zu überlassen.

Den romantischen Subplot habe ich mit gemischten Gefühlen verfolgt. Ich habe beiden Figuren geglaubt, als Einzelpersonen. Ihre Verbindung zueinander hat mich weniger überzeugt. Mehr dazu weiter unten.

Das letzte Drittel des Buches hat dann geliefert. Die Spannung zieht an, die Enthüllungen greifen ineinander und der Cliffhanger hat mich mit echtem Interesse in Band zwei entlassen.

Als Lektorin

Beginnen wir mit dem, was wirklich gut gemacht ist. Die POV-Struktur funktioniert. Jede Perspektivfigur hat eine eigene Stimme, die Übergänge sind sauber, und die verschiedenen Blickwinkel auf dieselben Ereignisse addieren sich zu einem Bild, statt sich zu wiederholen. Das ist handwerklich solide und in diesem Genre keine Selbstverständlichkeit.

Mein größter lektorischer Einwand betrifft das Foreshadowing. Gutes Foreshadowing vertraut dem Leser. Es legt Spuren, die erst im Rückblick sichtbar werden. Was ich in Heartless Hunter stellenweise erlebt habe, war Foreshadowing, das sich selbst ankündigt. Das ist ein Kontrollproblem, kein Stilproblem, es entsteht oft, wenn man als Autorin zu sicher gehen will, dass das Publikum mitkommt. Das Ergebnis ist, dass die Spannung an genau diesen Stellen abbricht, bevor sie sich aufgebaut hat.

Mein zweiter Einwand betrifft die romantische Dynamik. Chemie zwischen Figuren entsteht in den Zwischenräumen, in den kleinen Momenten, in der Reibung, im Schweigen, im Nicht-Ausgesprochenen. Hier hatte ich das Gefühl, dass die Annäherung der beiden Protagonisten strukturell herbeigeführt wurde, also durch Szenenauswahl und Platzierung im Plot, ohne dass sie emotional genug grundiert war. Der Leser registriert das, auch wenn er es nicht benennen kann, und nennt es dann fehlende Chemie.

Das Magiesystem ist erkennbar durchdacht, bleibt aber vage genug, um mich gelegentlich mit offenen Fragen zu lassen, die nicht als Rätsel gemeint waren, sondern einfach nicht ausgeführt wurden. Für den ersten Band einer Reihe ist das vertretbar, würde aber in einer Überarbeitungsrunde auf meiner Kommentarliste landen.

Als Autorin

Ich habe Heartless Hunter mit einem Notizbuch neben mir gelesen, nicht als Zeichen der Begeisterung, sondern weil mich die POV-Struktur interessiert hat. Wie gelingt es Ciccarelli, dass ich in jeder Perspektive sofort weiß, wer spricht? Sie arbeitet nicht mit stilistischen Tricks, sondern mit Haltung. Jede Figur hat eine andere Art, auf dieselbe Welt zu reagieren, und das trägt die gesamte Erzählung.

Was ich mitgenommen habe, ist vor allem eine Frage, die ich mir selbst stellen musste: Vertraue ich meinen Leserinnen genug? Das zu offensichtliche Foreshadowing in diesem Buch hat mich daran erinnert, wie verführerisch es ist, Sicherheit über Eleganz zu stellen. Als Autorin, die gerade selbst an einem komplexen Plot arbeitet, war das eine hilfreiche Erinnerung daran, wohin Überabsicherung führt.

Die romantische Dynamik hat mich zu einer anderen Frage gebracht: Wann entsteht Chemie auf der Seite wirklich? Ich glaube, dann, wenn zwei Figuren in einer Szene gleichzeitig etwas wollen, was nicht deckungsgleich ist. Dieses Spannungsfeld fehlt mir in mehreren Szenen zwischen den Protagonisten, und das hat mir beim Schreiben an meinem eigenen Manuskript mehr geholfen als jedes Schreibratgeber-Kapitel über Romantik.

Heartless Hunter ist kein perfektes Buch. Aber es ist ein lehrreiches, für Leserinnen und für alle, die selbst schreiben. Drei Sterne, und ich freue mich aufrichtig auf Band zwei.

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