My Roommate is a Vampire von Jenna Levine – Buchrezension

Als Leserin, Autorin und Lektorin

Manchmal brauche ich ein Buch, das mich nicht fordert. Das klingt nach einem Eingeständnis, ist aber keins. Denn "My Roommate is a Vampire" von Jenna Levine hat mir etwas gezeigt, das ich als Lektorin gerne vergesse: dass Unterhaltung ohne literarischen Anspruch ein eigenes Handwerk ist, das man erst ernst nehmen muss, um es richtig zu machen.

Als Leserin

Ich habe dieses Buch an einem einzigen Abend gelesen, und das sagt eigentlich alles. Die Protagonistin Cassie ist eine Künstlerin mit zu wenig Geld, zu viel Chaos und einem neuen Mitbewohner, der unverschämt gut aussieht, ausschließlich nachts zu Hause ist und ihr seltsam förmliche Notizen auf alten Schreibmaschinentipps hinterlässt. Das ist kein originelles Setup. Und trotzdem hat mich die Geschichte von der ersten Seite an mitgenommen.

Was Levine gut kann, ist Stimmung. Die WG-Atmosphäre, die eigenartige Dynamik zwischen Cassie und Frederick, die kleinen Alltagsszenen mit leichtem Horror-Einschlag, das funktioniert. Ich habe geschmunzelt, ich habe mitgefiebert, ich habe einmal laut gelacht. Als Leserin war ich zufrieden. Das ist nicht selbstverständlich, und ich sage das ohne Ironie.

Als Lektorin

Hier wird es komplizierter. Frederick ist als Figur ein Problem. Er ist so makellos, so beherrscht, so tragisch-schön, dass er kaum noch Person ist, sondern Projektion. Das wäre zu verschmerzen, wenn Cassie das auffangen würde, aber auch sie bleibt in einem Klischee-Korsett: zu unbeholfen, zu selbstvergessen, ständig stolpernd. Das sind keine organisch entwickelten Figuren, sondern Schablonen, und ein Lektorat mit echtem Biss hätte darauf gedrängt, hier mehr herauszuarbeiten.

Dazu kommt ein Logikfehler im Zeitablauf, der mich kurz aus der Geschichte gerissen hat. Nicht gravierend, aber sichtbar. Und dann ist da das Ende: Nach einem soliden Spannungsaufbau bricht der Roman genau dort ab, wo er eigentlich erst interessant wird. Das ist kein stilistisches Mittel, das ist ein Strukturproblem. Auflösung und Aufbau stehen nicht im richtigen Verhältnis zueinander, und das hätte in der Planungsphase oder spätestens im Lektorat auffallen müssen.

Was Levine hingegen gut handhabt, sind die eingestreuten Textformate. Chats, Notizen, Tagebucheinträge sind nicht neu, aber hier sind sie gezielt eingesetzt und geben Cassies Welt eine Plastizität, die der Haupttext allein nicht immer erreicht. Das ist ein kleines handwerkliches Verdienst, das ich gerne anerkenne.

Als Autorin

Das ist die Perspektive, die mich am meisten beschäftigt hat. Jenna Levine schreibt nicht gegen ihre Tropen, sie schreibt mit ihnen, und das erfordert eine klare Entscheidung. Entweder man bricht das Klischee auf, oder man steht vollständig dazu und trägt es mit Haltung. Levine wählt die zweite Option, und das ist eine legitime Wahl.

Was ich als Autorin lerne: Selbstironie ist keine Absicherung gegen Kritik. Man kann nicht sagen, ein Roman sei bewusst klischeehaft, und damit alle Schwächen entschuldigen. Aber man kann ein Genre kennen, die Erwartungen der Leserin kennen, und innerhalb dieser Grenzen etwas bauen, das echten Charme hat. Das gelingt Levine. Ihr Schreibstil ist konversationell, flüssig, ohne geschwollene Formulierungen. Die Dialoge klingen wie echte Gespräche. Das ist schwerer zu schreiben, als es aussieht.

Was mich beschäftigt, ist die Frage des Endes. Als Autorin frage ich mich, ob das eine Entscheidung war oder eine Notlösung. Ein Roman, der seinen Höhepunkt nicht auserzählt, lässt die Leserin mit einem leichten Hunger zurück. Im besten Fall macht das neugierig auf Fortsetzungen. Im schlechtesten Fall fühlt es sich nach unfertigem Handwerk an. Hier tendiere ich zum Letzteren.

"My Roommate is a Vampire" ist Gummibärchen-Literatur mit echter Kompetenz dahinter. Nicht für jeden Lesegeschmack, und mit Schwächen, die ich als Lektorin nicht totschweigen kann. Aber als ehrliches Vergnügen für genau den richtigen Moment funktioniert es. 3,5 von 5 Sternen.

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