Fourth Wing – Rebecca Yarros | 3-Blickwinkel-Rezension

Als Leserin, Als Lektorin und Als Autorin

Es gibt Bücher, die man nicht zweimal anfassen sollte. Nicht weil sie schlecht wären, sondern weil der Zauber auf Unwissenheit baut, auf das Nicht-Wissen, was hinter der nächsten Seite wartet. Und dann gibt es Bücher, bei denen das zweite Lesen mehr freilegt als das erste, weil man diesmal zuschauen kann, wie das alles gebaut ist. Fourth Wing von Rebecca Yarros, der erste Band der Flammengeküsst-Reihe, gehört für mich in die zweite Kategorie.

Ich habe diesen Roman jetzt zweimal gelesen. Beim Reread saß ich mit denselben fünf Sternen da wie beim ersten Mal, aber mit anderen Fragen.

Als Leserin

Der Sog hat mich wieder vollständig erwischt, und das ist keine Selbstverständlichkeit. Violet Sorrengail ist eine Protagonistin, der ich nicht entkommen will: Sie ist nicht die Stärkste, nicht die Schnellste, nicht die Unverwundbarste, aber sie denkt, und sie kämpft, und sie gibt nicht auf. Das reicht mir als Leserin, und das reicht mir auch beim zweiten Mal.

Was Yarros besonders gut macht, ist der Umgang mit dem Tod. Der Spruch "Kill your Darlings" bekommt in diesem Buch eine sehr konkrete Bedeutung. Die Figuren sterben wirklich, nicht als dramatisches Ornament, sondern als Konsequenz einer Welt, die keine falschen Versprechungen macht. Ich habe beim Reread an denselben Stellen Luft angehalten wie beim ersten Lesen. Das hat mich überrascht.

Die Drachen faszinieren mich nach wie vor. Sie sind bei jedem erneuten Kontakt genauso beeindruckend wie beim ersten, weil sie nicht einfach Kulisse sind, sondern Wesen mit Eigenlogik und Gewicht.

Als Lektorin

Diesmal habe ich mehr auf die Struktur geachtet, und dabei ist mir klarer geworden, warum dieser Roman so gut funktioniert. Die Spannungsbögen sind nicht zufällig zusammengesetzt, sie sind geplant. Jedes Kapitel schließt mit einer kleinen oder großen offenen Frage, die zum Weiterlesen zwingt, ohne dabei auf billige Cliffhanger-Mechaniken zu setzen. Und das Worldbuilding läuft fast vollständig über Handlung: Was die Drachen sind, was am Basgiath War College politisch auf dem Spiel steht, wie diese Gesellschaft funktioniert, das alles erfährt man durch Szenen, nicht durch Erklärungen. Das ist handwerklich sauber.

Was mir auffällt, ist die ungleiche Tiefe von Haupt- und Nebenfiguren. Ein Teil des Ensembles, besonders am Rand des Hauptensembles, bleibt funktional. Die Figuren dienen der Geschichte, bewohnen sie aber nicht vollständig. Als Lektorin würde ich an diesen Stellen ansetzen, weil dort Potenzial liegt, das im Laufe der Reihe noch eingelöst werden könnte.

Die Romanze zwischen Violet und Xaden funktioniert aus lektoraler Sicht deshalb so gut, weil sie nicht als separate Erzählebene behandelt wird. Ihre Dynamik beeinflusst direkt, was im Plot passiert, und der Plot beeinflusst direkt, was zwischen ihnen passiert. Das ist ein struktureller Unterschied zu Romanen, in denen Liebesgeschichte und Haupthandlung nebeneinander laufen, ohne sich wirklich zu berühren.

Als Autorin

Beim zweiten Lesen habe ich mir viele Stellen nicht wegen ihrer Schönheit markiert, sondern wegen ihrer Konstruktion. Yarros arbeitet mit einem Rhythmus zwischen Aktion, Emotion und Atemraum, der das Buch am Laufen hält, ohne den Leser zu erschöpfen. Dauerhafter Ausnahmezustand ist kein Spannungsaufbau, er ist Betäubung. Was Yarros stattdessen macht, ist dosieren, und das merkt man erst beim zweiten Lesen wirklich.

Die Drachen sind auch aus Autorenperspektive ein Lehrbeispiel. Sie wirken nicht ausgedacht und dann ins Setting eingefügt, sie wirken von innen heraus entwickelt. Ihre Verhaltensweisen, ihre Bindungen zu den Reitern, ihre Unberechenbarkeit, das alles hat eine innere Logik, und diese Logik hält der Überprüfung stand. Das ist schwerer zu erreichen als es aussieht.

Was ich mir noch mehr gewünscht hätte, ist mehr Raum für Violets innere Auseinandersetzung mit dem, was Gewalt und Verlust mit einem Menschen machen. Das Buch geht mit dem Tod seiner Figuren mutig um, aber die Reflexion darüber bleibt manchmal etwas knapp. Da hätte ich als Autorin noch mehr gegeben, weil der Stoff dafür da wäre.

Fazit

Fourth Wing ist kein perfekter Roman, aber es ist ein sehr gut gemachter, und das ist beim Reread noch klarer geworden. Die Geschichte ist nicht auf Überraschung angewiesen, sie trägt aus ihrer eigenen Konstruktion heraus. Das ist das Zeichen eines guten Handwerks, und das bekommt von mir fünf Sterne, auch beim zweiten Mal.

Flammengeküsst, Band 1. Rebecca Yarros.

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