The Games Gods Play von Abigail Owen – Buchrezension
Wenn antike Götter in unsere Zeit einziehen
Es gibt Bücher, die mich schon mit dem Konzept skeptisch machen. Griechische Götter in der Moderne, das ist ein Genre-Versprechen, das ich in sehr unterschiedlicher Qualität erlebt habe, von wirklich cleverer Neuinterpretation bis zu kaum verkleideten Umschreibungen bekannter Mythen. Als ich "The Games Gods Play – Schattenverführt" von Abigail Owen anfing, hatte ich deshalb vorsichtige Erwartungen. Ich habe es an einem Wochenende durchgelesen. Das sollte für sich sprechen.
Als Leserin
Die Lektüre hat sich seltsam mühelos angefühlt. Das sage ich nicht als leere Lobformel, sondern als Beobachtung: Ich habe das Buch aufgeklappt und dann irgendwann festgestellt, dass es draußen dunkel geworden war. Abigail Owen hat ein Pacing, das keine Lücken lässt, in denen man anfangen würde, kritisch über das Gelesene nachzudenken. Die Spannungsbögen steigern sich kontinuierlich, und das Ende, dieser Cliffhanger, hat mich einen Moment lang wirklich fassungslos gemacht. Ich saß da und wusste nicht, ob ich wütend oder begeistert sein sollte. Im Nachhinein: beides, und das ist ein gutes Zeichen.
Was mir emotional an der Protagonistin gut gefällt, ist ihre Verwundbarkeit. Sie ist keine Figur, die alles kann und immer recht hat. Das macht sie greifbar. An einigen Stellen hätte ich mir als Leserin etwas mehr innere Logik in ihren Entscheidungen gewünscht, eine stärkere Verbindung zwischen dem, was sie erlebt hat, und dem, was sie tut. Aber das hat mein Lesevergnügen nicht entscheidend beeinträchtigt.
Als Lektorin
Das Worldbuilding ist das handwerklich stärkste Element dieses Buches, und das meine ich als echtes Kompliment. Die Götter werden nicht einfach in die Gegenwart transponiert, sie werden in eine gesellschaftliche Realität eingebettet, die ihre Charakterzüge zeitlos und gleichzeitig zeitgemäß macht. Die mythologischen Elemente werden gezeigt, nicht erklärt, und das Integration-Prinzip ist konsequent durchgehalten. Hier merkt man, dass jemand die Welt von innen heraus gedacht hat, bevor sie sie aufgeschrieben hat.
Was mich dagegen als Lektorin beschäftigt, sind die Nebencharaktere. Ein, zwei Figuren sind wirklich stark ausgearbeitet, mit eigener Geschichte, eigener Logik, eigenem Widerspruch. Aber andere bleiben erstaunlich blass für ein Setting, das von der Jahrtausende alten Komplexität seiner Figuren eigentlich leben müsste. Das ist ein verpasstes Potential, kein grundlegendes Problem, aber es wäre der Unterschied zwischen einem sehr guten Buch und einem großartigen gewesen. Ähnlich verhält es sich mit der Protagonistin: An manchen Stellen spüre ich, dass ihre Entscheidungen der Handlungslogik dienen, nicht ihrer Figur. Das ist ein Lektoratsproblem, das ich in Fantasy häufiger sehe, weil die Plotanforderungen manchmal lauter sind als die innere Figurenstimme.
Als Autorin
Was ich aus diesem Buch mitnehme, ist das Pacing. Abigail Owen schafft etwas, das ich für handwerklich sehr anspruchsvoll halte: Sie opfert keine emotionalen Momente zugunsten des Tempos, und sie opfert kein Tempo zugunsten von Atmosphäre. Das Gleichgewicht zwischen diesen drei Elementen ist in Fantasy schwer herzustellen, weil der Weltenaufbau oft bremst, das Emotionstempo aber hochgehalten werden muss. Hier funktioniert beides gleichzeitig.
Was mich als Schreibende zum Nachdenken bringt, ist die Frage der Figurenmotivation in Handlungsbögen, die von außen getrieben werden. Götter, Prophezeiungen, übernatürliche Konflikte, das sind Plotmechanismen, die schnell dazu verleiten, Figuren durch die Geschichte zu schieben statt sie selbst darin zu bewegen. Ich merke das bei Abigail Owen an einzelnen Stellen, und ich erkenne das Muster aus meinem eigenen Schreiben. Es ist ein strukturelles Problem, das ich im Hinterkopf behalte.
Vier von fünf Sternen. "The Games Gods Play" ist kein Buch, das ich nach dem Lesen vergessen werde, vor allem wegen des Worldbuildings und des Cliffhangers. Und vor allem wegen der Frage, wie es weitergeht.