Manche Bücher öffnen beim Lesen eine Tür, mit der ich gar nicht gerechnet habe. Bei mir war es diesmal die Tür zu den Nachmittagen meiner Kindheit, zu glitzernden Feen an einer Schule für Magie und zu Welten, in denen Freundschaft immer ein bisschen mächtiger war als jede Bedrohung. Ausgelöst hat das Moonwings, das Romantasy-Debüt von Nathalie Bröske, vielen von euch als nathalie_reads bekannt. Der Auftakt einer Trilogie, erschienen bei Arena, mit allem, was das Genre gerade liebt: eine Elite-Akademie, ein Slow Burn, Friends-to-Lovers und eine Gruppe, die zur Familie wird.
Worum geht es? Die junge Faerie Nova stammt aus einer der Herrscherfamilien Ethereals und beginnt ihre Zeit an der Stellarium Academy. Für sie ist das auch die Chance, mehr zu sein als nur eine Moonwing. Doch Mitschüler, die auf ihr Scheitern warten, das Wiedersehen mit ihrem Ex Xander und ihrem früheren besten Freund Caelan und die nahenden Prüfungen bringen sie ins Wanken. Und hinter der schönen Fassade der Akademie liegt ein Netz aus Geheimnissen.
Als Leserin
Ich will ehrlich sein: Ich hatte beim Lesen ständig das Gefühl, irgendwo zwischen Winx Club und Digimon gelandet zu sein. Und ich habe das geliebt. Es ist diese Mischung aus farbenfroher Magie, einer Schule als Mittelpunkt der Welt und einer Gruppe junger Figuren, die zusammenwachsen, die bei mir sofort etwas zum Klingen gebracht hat. Ich bin gern in diese Welt eingetaucht und mochte die Zeit mit der Clique um Nova wirklich.
Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass ich mich mehr auf das Umfeld gefreut habe als auf Nova selbst. Ich habe mit ihr mitgefiebert, aber nicht so stark, wie ich es mir bei einer Hauptfigur wünsche. Und ich habe recht schnell gespürt, dass Moonwings ein Young-Adult-Buch ist. Das hat meinen Lesespaß nicht gemindert, hat aber meine Erwartungen verschoben. Wenn du eher dunkle, erwachsene Romantasy suchst, solltest du das wissen, bevor du anfängst.
Als Lektorin
Handwerklich ist das Worldbuilding für mich die größte Stärke des Buches. Die Welt hat eine eigene Handschrift und wirkt nicht wie eine Sammlung bekannter Versatzstücke, obwohl das Academy-Setting natürlich vertraut ist. Wichtig finde ich, dass die Welt nicht nur Hintergrund ist. Sie ist mit der Handlung verbunden und prägt, wie die Figuren denken und handeln. Für ein Debüt ist das bemerkenswert sicher umgesetzt.
Auch die Figurenkonstellation ist gut gebaut. Die Charaktere sind so zusammengestellt, dass sie sich reiben und ergänzen, und daraus entstehen schöne Dynamiken. Die Achse zwischen Nova, Xander und Caelan erzeugt Spannung, die das Slow-Burn-Versprechen einlöst, ohne vorschnell aufzulösen.
Kritischer sehe ich zwei Dinge. Erstens bleiben einige Plotelemente hinter ihrem Potenzial zurück. Sie werden eingeführt, bekommen aber nicht genug Raum, um ihre volle dramaturgische Wirkung zu entfalten. Bei einem Trilogie-Auftakt ist es legitim, Fäden für später liegen zu lassen, trotzdem wünsche ich mir, dass schon der erste Band seine eigenen Konflikte konsequenter zu Ende erzählt. Zweitens fehlt mir bei Nova eine differenziertere Figurenzeichnung. Eine Hauptfigur wird für mich dann lebendig, wenn sie Widersprüche hat, wenn sie sich irrt, sich selbst im Weg steht oder Entscheidungen trifft, die wir nicht gutheißen. Diese Ambivalenz hätte Nova mehr Tiefe gegeben, und es fällt auf, wenn Nebenfiguren lebendiger wirken als die Protagonistin.
Als Autorin
Was ich aus Moonwings mitnehme, ist vor allem ein Gedanke über Ensembles. Eine Gruppe von Figuren trägt eine Geschichte dann, wenn jede Figur eine eigene Funktion hat, wenn jemand Reibung bringt, jemand Wärme, jemand ein Geheimnis. Nathalie Bröske hat ihr Ensemble so angelegt, dass die Szenen zwischen den Figuren fast von allein funktionieren. Das ist etwas, das ich mir für mein eigenes Schreiben bewusst anschauen möchte.
Gleichzeitig ist das Buch für mich eine Erinnerung daran, wie zentral die Hauptfigur bleibt, egal wie gut das Umfeld ist. Ich frage mich beim Schreiben inzwischen öfter: Wo ist meine Figur im Unrecht? Wo hat sie blinde Flecken? Moonwings hat mir gezeigt, wie viel Tiefe genau an diesen Stellen entsteht oder eben fehlt.
Mein Fazit
Moonwings ist ein gelungenes Debüt mit einer starken, eigenständigen Welt und einem Ensemble, mit dem ich gern Zeit verbracht habe. Es hat Schwächen in der Ausarbeitung einiger Plotlinien und in der Tiefe der Protagonistin, und es ist klar für ein jüngeres Publikum geschrieben. Für mich sind es 4 von 5 Sternen, und ich bin neugierig, ob Nova im zweiten Band die Ecken und Kanten bekommt, die ich mir gewünscht habe.
Und jetzt du: Welche Serie oder welches Buch hat dich als Kind in die Fantasy gezogen?