Hexe am Tatort von Danielle Garrett: 3-Blickwinkel-Rezension / Rezensionsexemplar

Wie viel Gemütlichkeit verträgt ein Krimi?

Diese Frage hat mich durch die ganze Lektüre begleitet. Cozy Crime ist für mich ein Genre, das ich gern zwischendurch lese, wenn ich etwas Leichtes brauche, ohne auf ein Rätsel verzichten zu wollen. Hexe am Tatort von Danielle Garrett, übersetzt von Tatjana Becijos, ist der Auftakt der Reihe Die Geheimnisse von Beechwood Harbor und verspricht genau diese Mischung: eine Hexe im Exil, eine Spuk-WG am Meer und einen Mordfall, der ihr neues Leben auf den Kopf stellt. Ich habe das Buch als Rezensionsexemplar über NetGalley gelesen, und mein Eindruck ist ziemlich gemischt. Warum, das schaue ich mir wie immer aus drei Blickwinkeln an.

Als Leserin

Ich mag Geschichten, die einen Ort zum Ankommen schaffen, und Beechwood Manor ist so ein Ort. Holly, eine Zaubertrankhexe auf Bewährung, wird aus der magischen Gemeinschaft verbannt und landet mit ihrer Katze und ein paar Habseligkeiten in einem kleinen Küstenort. Dort wohnt sie in einem Haus, dessen Vermieterin ein Geist ist und dessen Mitbewohner sich gegenseitig nicht ausstehen können, weil Vampir und Gestaltwandler eben selten beste Freunde werden.

Diese WG hat mir viel Freude gemacht. Die Vermieterin, die keinerlei Grenzen kennt, die kleinen Reibereien im Haus, Hollys trockene Art, mit all dem umzugehen, das ist charmant und an manchen Stellen richtig niedlich. Ich habe beim Lesen öfter gelächelt, und das ist bei einem Wohlfühlbuch ja schon viel wert.

Was mir gefehlt hat, war der Sog. Als die Café-Chefin tot aufgefunden wird und eine von Hollys neuen Freundinnen unter Verdacht gerät, hatte ich eigentlich erwartet, dass die Geschichte jetzt anzieht. Stattdessen habe ich weiter gemütlich mitgelesen, ohne dass ich unbedingt wissen wollte, wer hinter dem Mord steckt. Ich hatte eine nette Zeit, aber keine, in der ich das Buch nicht weglegen konnte.

Als Lektorin

Hier wird es für mich interessant, denn die Schwächen des Buches sind keine Frage des Geschmacks, sondern der Dramaturgie.

Das erste Problem ist der Umgang mit dem Worldbuilding. Die magische Welt, ihre Gemeinschaften, Regeln und Behörden werden vor allem im ersten Drittel in längeren Erklärpassagen vermittelt. Das ist klassischer Infodump: Informationen, die ich als Leserin noch gar nicht brauche, werden mir gesammelt vorgelegt, statt dass sie sich nach und nach aus Szenen und Konflikten ergeben. Das bremst das Pacing genau in der Phase, in der eine Geschichte eigentlich Fahrt aufnehmen sollte.

Das zweite Problem ist das Verhältnis von Krimiplot und Alltagsebene. Ein Cozy Crime lebt davon, dass beide Ebenen sich verschränken, dass also die Figuren aus dem Alltag zu Verdächtigen, Zeugen oder Hinweisgebern werden und jede Wohlfühlszene auch ein Puzzleteil enthält. In Hexe am Tatort laufen die Ebenen eher nebeneinander her. Viel Geplänkel in der WG ist unterhaltsam, trägt aber selten etwas zur Ermittlung bei. Dadurch kommt der Mordfall spät in Gang und verliert zwischendurch immer wieder an Gewicht. Der Spannungsbogen steigt kaum, er bleibt über weite Strecken flach.

Dabei ist das Fundament richtig gut. Eine Heldin auf Bewährung, die mit jeder Ermittlung ihre Zukunft riskiert, bringt eine eingebaute Fallhöhe mit. Diese Konfliktarchitektur hätte man viel stärker nutzen können, um Druck aufzubauen. Für einen Reihenauftakt bleibt hier noch eine Menge Potenzial ungenutzt.

Als Autorin

Was ich aus diesem Buch mitnehme, ist eine Erinnerung, die mir beim eigenen Schreiben immer wieder begegnet: Eine starke Grundidee trägt eine Geschichte nicht von allein. Holly, die WG, der Küstenort, das alles ist liebevoll erdacht. Aber eine Welt wird für mich als Leserin erst lebendig, wenn ich sie erlebe, nicht wenn sie mir erklärt wird.

Gerade bei Fantasy kenne ich die Versuchung gut, alles erzählen zu wollen, was man sich ausgedacht hat. Hexe am Tatort zeigt, wie wichtig es ist, Wissen zurückzuhalten und nur so viel preiszugeben, wie die Szene gerade braucht. Und es zeigt mir, dass witzige Nebenfiguren eine Geschichte bereichern, solange sie auch eine Funktion im Plot haben. Wenn eine Szene nur charmant ist, aber nichts verändert, darf ich mich fragen, ob sie wirklich bleiben muss.

Gleichzeitig nehme ich auch etwas Positives mit: den Mut zum warmen Ton. Nicht jedes Buch muss düster oder komplex sein, um Leser:innen zu erreichen. Manchmal ist ein Ort, an den man gern zurückkehrt, genau das, was eine Reihe am Leben hält.

Mein Fazit

Hexe am Tatort ist ein sympathischer, leichter Reihenauftakt mit einer Grundidee, die ich wirklich mag, und einer Umsetzung, die dramaturgisch noch wackelt. Wenn du Paranormal Cozies liebst, gern Zeit mit schrulligen Figuren verbringst und beim Krimi nicht unbedingt Nervenkitzel brauchst, wirst du hier gut unterhalten. Wenn du ein cleveres Rätsel mit stetig steigender Spannung suchst, eher nicht. Von mir gibt es 3 von 5 Sternen, und ich bin ehrlich gespannt, ob die Reihe ihr Potenzial in den Folgebänden besser ausschöpft.

Zurück
Zurück

Moonwings von Nathalie Bröske: Rezension in 3 Blickwinkeln / Rezensionsexemplar

Weiter
Weiter

Never Ever After von Sue Lynn Tan: 3-Blickwinkel-Rezension / Rezensionsexemplar