Kennst du das, wenn ein Buch dir auf dem Cover etwas verspricht und du die ganze Lektüre über prüfst, ob es dieses Versprechen hält? Bei mir war das diesmal ein einziger Satz: „Widersteh dem Märchen. Ergreife dein Schicksal.“ Er steht auf Never Ever After von Sue Lynn Tan, einer Aschenputtel-Adaption, die von chinesischer Mythologie inspiriert ist und bei Fischer Sauerländer erschienen ist. Und genau an diesem Satz habe ich mich beim Lesen immer wieder gerieben, im Guten wie im weniger Guten.
Yining hat nach dem Tod ihres Onkels gelernt, sich mit Diebstahl und Lügen durchzuschlagen. Als ihre Stieftante ihr einen magischen Ring stiehlt, folgt sie ihr an den Königshof. Dort trifft sie auf einen ehrgeizigen, skrupellosen Prinzen, verstrickt sich in ein Geflecht aus Macht und Verrat und findet ausgerechnet im Abgesandten eines rivalisierenden Königreichs ihren einzigen Verbündeten. Es ist der Auftakt einer Reihe, und das merkt man an manchen Stellen.
Als Leserin
Ich habe dieses Buch gern gelesen, das will ich gleich vorweg sagen. Yining hat mich abgeholt, weil sie nicht die typische Märchenfigur ist, die still erträgt und auf ihre Rettung hofft. Sie ist misstrauisch, pragmatisch und manchmal ziemlich unbequem, und trotzdem spürt man unter dieser Härte eine Verletzlichkeit, die sie greifbar macht. Die Atmosphäre am Hof hat mich mitgenommen, dieses ständige Schwanken zwischen Pracht und Gefahr, bei dem man nie genau weiß, wem man trauen kann.
Gleichzeitig hatte ich beim Lesen öfter ein Déjà-vu. An mehreren Stellen ahnte ich, was passieren würde, bevor es passierte. Das hat mir nicht die Freude am Buch genommen, aber es hat die Spannung gedämpft. Ich habe weitergelesen, weil ich die Stimmung und die Figurengespräche mochte, weniger, weil ich unbedingt wissen musste, wie es weitergeht.
Als Lektorin
Handwerklich steht und fällt Never Ever After für mich mit zwei Dingen: einer sehr starken Dialogführung und einer zu schmalen Figurentiefe.
Die Dialoge sind wirklich gut gebaut. Sie arbeiten mit Subtext, mit Andeutungen und Machtspielen, und sie charakterisieren die Figuren oft präziser als jede Beschreibung. Auch der Schreibstil insgesamt ist bildreich, ohne ins Überladene zu kippen. Das ist sauberes Handwerk.
Weniger überzeugt hat mich, wie wenig Raum die Figuren jenseits ihrer Funktion bekommen. Der skrupellose Prinz und der geheimnisvolle Abgesandte sind als Gegenpole angelegt, und genau dabei bleibt es zu lange. Ihre Motivationen werden eher behauptet als entwickelt, und dadurch bewegt sich die Konstellation sehr nah an bekannten Romantasy-Mustern. Wenn ein Buch sich auf die Fahne schreibt, dem Märchen zu widerstehen, erwarte ich gerade bei den Figuren Brüche, Widersprüche und Entscheidungen, die mich überraschen. Hier hätte ich mir mehr Schichten gewünscht, auch bei den Nebenfiguren, die oft nur der Handlung dienen.
Dazu kommt das Foreshadowing. Andeutungen sind ein wunderbares Werkzeug, aber sie brauchen Dosierung. In Never Ever After sind einige Hinweise so deutlich gesetzt, dass die spätere Enthüllung eher Bestätigung als Überraschung ist. Für den Spannungsbogen ist das schade, weil die Grundidee eigentlich genug Material für echte Wendungen hergibt. Die Verbindung von Aschenputtel-Motiven mit chinesischer Mythologie ist stark, sie wird nur nicht konsequent genug ausgereizt.
Als Autorin
Was ich aus diesem Buch mitnehme, ist vor allem eine Erinnerung daran, wie viel Arbeit ein guter Dialog leisten kann. Sue Lynn Tan zeigt, dass man Figuren nicht erklären muss, wenn man sie miteinander sprechen lässt. Ein Satz, der etwas anderes meint, als er sagt, erzählt oft mehr über eine Beziehung als ein ganzer Absatz Innensicht. Das ist etwas, woran ich an meinen eigenen Texten immer wieder feile.
Gleichzeitig hat mich das Buch zum Nachdenken darüber gebracht, was ein Retelling eigentlich leisten sollte. Es reicht nicht, ein bekanntes Gerüst in ein neues Setting zu stellen. Spannend wird es erst, wenn man die Erwartungen der Leser:innen bewusst nutzt, um sie dann zu unterlaufen. Wer weiß, dass Aschenputtel erzählt wird, wartet auf bestimmte Momente. Genau da liegt die Chance, etwas Unerwartetes zu tun. Never Ever After deutet diese Möglichkeit an, geht den Schritt aber nicht ganz.
Und jetzt?
Never Ever After ist eine atmosphärische, sprachlich schöne Märchenadaption mit wirklich guten Dialogen und einer Heldin mit Ecken und Kanten. Die Figuren bleiben mir aber zu sehr in ihren Rollen, und manche Wendung kündigt sich zu früh an. Von mir gibt es 3,5 von 5 Sternen. Wenn du Retellings, höfische Intrigen und Slow Burn magst, wirst du hier gut unterhalten. Wenn du komplexe Figuren und echte Überraschungen suchst, geh mit etwas gedämpften Erwartungen rein. Ich bin trotzdem neugierig, ob die Fortsetzung den Figuren mehr Raum gibt, denn das Potenzial ist eindeutig da.