Creekside Haven – Rezension | 3 Blickwinkel- Rezensionsexemplar
Als Leserin und Autorin ist man manchmal versucht, ein Buch danach zu bewerten, wie es sich angefühlt hat, statt danach, was handwerklich dahintersteckt. Bei Creekside Haven, dem zweiten Band der Mapleheart-Love-Reihe von Anna Ferber und Kristina Lagom, waren diese beiden Maßstäbe erstaunlich nah beieinander, und gleichzeitig kurz vor Ende dann doch weit auseinander.
Als Leserin
Ich habe dieses Buch an einem ruhigen Abend begonnen und war schnell drin, nicht wegen des Plots, sondern wegen der Atmosphäre. Kanada, Wälder, eine Veranda, ein Mann, der in Stille lebt, und eine Frau, die nicht weiß, wie das geht. Das ist ein Versprechen, das ich dem Genre gerne glaube, und Creekside Haven löst es in der Mitte wirklich gut ein. Die Grumpy-Sunshine-Dynamik zwischen Ryan und Camille trägt, weil beide Figuren eine innere Welt haben, die man spürt. Ein Baby-Elch sorgt außerdem für einen der wenigen Romanmomente, die mich ohne Vorwarnung berührt haben.
Der Anfang hat mich aber etwas gezögert. Die Prämisse hatte ein paar Stellen, an denen die innere Logik nicht ganz aufgegangen ist, und ich brauchte länger als gewöhnlich, um das Gefühl zu verlieren, das Buch von außen zu beobachten statt darin zu sein. Das ist kein fatales Problem, kostet aber Vertrauen, das man in den ersten Kapiteln eigentlich aufbauen sollte.
Was mich am Ende mehr beschäftigt hat: ein Miscommunication-Trope in den letzten Abschnitten, der sich für mich nicht verdient angefühlt hat. Nicht weil Miscommunication grundsätzlich ein Problem ist, sondern weil die Figuren bis dahin so viel Arbeit geleistet hatten, dass das Missverständnis künstlich wirkte. Als Leserin hatte ich das Gefühl: Diese beiden könnten das lösen. Sie reden nur nicht, weil der Plot es gerade braucht.
Als Lektorin
Handwerklich sehe ich das Buch differenzierter. Die Figurenarbeit ist solide, beide Protagonistinnen haben Entwicklungsbögen, die nachvollziehbar sind, und die Autorinnen vermeiden die häufige Falle, Camille als rein oberflächliche Influencer-Figur zu zeichnen. Hinter der Fassade steckt eine Frau, die etwas sucht, und das kommt durch.
Das strukturelle Problem sitzt im Anfang und am Ende. Ein holpriger Einstieg signalisiert einer Leserin, dass sie der Prämisse noch nicht vollständig vertrauen kann, und das erzeugt Lesewiderstand, den die Geschichte danach aufholen muss. Das gelingt hier, aber es kostet unnötig Energie.
Der Miscommunication-Trope am Ende ist für mich das größere handwerkliche Problem. Ein solcher Trope funktioniert dann, wenn er sich zwingend aus der Psychologie der Figuren ergibt, wenn klar ist, warum genau diese Person in genau dieser Situation nicht sprechen kann. Das war hier nicht vollständig ausgearbeitet. Der Konflikt wirkte wie eine Schraube, die ins Manuskript gedreht wurde, um Spannung zu erzeugen, statt wie etwas, das aus dem Innenleben der Figuren gewachsen ist. Das ist ein Unterschied, den Leserinnen oft nicht benennen können, aber deutlich spüren.
Als Autorin
Was ich aus Creekside Haven mitnehme, ist eine Frage, die mich auch für mein eigenes Schreiben beschäftigt: Wie viel darf ein Trope fordern, und wie viel muss er leisten?
Tropes sind Werkzeuge. Der Miscommunication-Trope ist eines der ältesten und funktioniert dann, wenn er aus echter emotionaler Not entsteht, wenn die Figuren nicht reden, weil sie es nicht können, nicht weil der Plot es verlangt. Der Unterschied klingt klein, ist im Erleben des Lesens aber enorm. Das ist eine Lektion, die ich mir für mein eigenes Manuskript notiert habe, konkret für alle Stellen, an denen ich versucht bin, Konflikt durch Schweigen zu erzeugen.
Was die Autorinnen gut machen, und das nehme ich ebenfalls mit: Die Atmosphäre als Charakter zu behandeln. Creekside Haven ist kein Hintergrunddekoration, sondern ein Ort mit Eigengewicht, und das zeigt sich in kleinen Details, dem Geruch nach verbranntem Holz, den langen Abenden, dem Waschbär. So baut man eine Welt, in die man als Leserin wirklich einzieht. Das kann ich mir als Vorbild nehmen.
3,5 von 5 Sternen. Eine herzerwärmende Wohlfühlromance, die an zwei Stellen etwas ins Straucheln gerät, aber im Kern hält, was sie verspricht.