Blaues Blut von Elias Ries – Buchrezension in 3 Blickwinkeln - Rezensionsexemplar
Als Leserin
Manchmal weiß man schon nach den ersten Seiten, dass man es mit jemandem zu tun hat, der erzählen kann. Blaues Blut von Elias Ries ist ein solches Buch. Das Reich Eindall, in dem die Farbe des Blutes über den Platz eines Menschen in der Gesellschaft entscheidet, ist eine Prämisse, die sich nicht erklären muss. Sie funktioniert sofort, sie sitzt, und sie trägt die Geschichte auf jeder Seite.
Ich habe das Buch als Testleserin gelesen, was bedeutet: Ich lese immer doppelt. Einmal als Leserin, die sich mitreißen lassen will, und gleichzeitig als jemand, der die Seite dreht und dabei schon den nächsten Satz im Blick hat. Bei Bromm, dem Bauern, der um seine Familie bangt und Verluste erleidet, die so ehrlich und schmerzhaft geschrieben sind, habe ich für kurze Momente aufgehört zu analysieren. Das passiert mir nicht oft.
Was mich manchmal herausgerissen hat, war die zeitliche Orientierung zwischen den drei Erzählsträngen. Bromm, Phian und Lysella, Roen, alle drei gleichzeitig, alle drei mit dringenden Geschichten. Ich habe mich an einigen Stellen gefragt, wann genau was passiert, und das Zurückblättern unterbricht den Sog. Nicht genug, um aufzuhören. Aber genug, um es zu bemerken.
Das Ende lässt bewusst Fragen offen. Das ist keine Schwäche, das ist ein Versprechen. Und ich glaube ihm.
Als Lektorin
Aus lektorischer Perspektive ist Blaues Blut ein Debüt, das zeigt, wo der Autor seine Stärken hat, und noch deutlicher, wo die nächste Überarbeitungsrunde ansetzen sollte.
Das Worldbuilding ist das stärkste Element des Textes. Ries arbeitet organisch: Die Welt von Eindall wird nicht erklärt, sie wird bewohnt. Die Prämisse der Blutfarben erschließt sich über Handlung und Haltung der Figuren, nicht über Erklärblöcke. Das ist schwerer umzusetzen als es klingt, und er löst es.
Der Spannungsaufbau über die Kapitel hinweg ist solide. Es gibt klare Bögen, jedes Kapitel hat ein Ende, das weitertreibt. Mutig ist auch, dass Ries früh eine Figur sterben lässt. Das setzt Stakes. Man fragt sich danach wirklich, wen es als nächstes treffen kann.
Was die Überarbeitungsarbeit noch vor sich hat: Die Dialoge in Kapitel zwei sind zu komprimiert. Wenn Figuren in schneller Folge sprechen, ohne dass die Umgebung sie verankert, verliert die Szene ihre körperliche Wirklichkeit. Inquits, also die kleinen Handlungsmomente zwischen den Dialogen, geben einer Szene die Ruhe, die sie braucht, um zu atmen. Das ist keine Kleinigkeit, es ist der Schritt, der eine Szene von gut zu sehr gut trägt.
Ein weiterer Punkt: Die zeitliche Einordnung der parallelen POVs ist unklar. Mit drei Strängen, die sich möglicherweise zeitlich überschneiden oder versetzt laufen, braucht der Leser kleine strukturelle Marker. Das können Kapitelüberschriften sein, Zeitangaben oder sorgfältig platzierte Bezüge im Text. Im jetzigen Stand fehlt dieser Orientierungsrahmen an entscheidenden Stellen.
Bromms innere Momente, Tagträume und Gedanken, sollten kursiv gesetzt werden. Das ist eine Konvention, die nicht willkürlich ist: Sie signalisiert dem Lesenden, dass er jetzt im Kopf der Figur ist, nicht in der äußeren Handlung. Das kostet nichts und bringt Klarheit.
Als Autorin
Als Autorin nehme ich aus Blaues Blut vor allem einen Gedanken mit: Wie man Weltenbau betreibt, ohne ihn zu zeigen.
Ries macht etwas, das ich selbst immer wieder übe. Er zeigt eine fremde Welt durch die Augen von Menschen, die in ihr leben. Für sie ist sie nicht fremd. Für uns wird sie es dadurch erst recht. Das ist eine erzählerische Entscheidung, die man bewusst treffen muss, und er trifft sie.
Was ich als Autorin hinterfrage, ist die Entscheidung für drei gleichgewichtige POVs in einem ersten Band. Das ist nicht falsch, aber es hat seinen Preis: Bromm, der emotional stärkste Charakter, bekommt durch die Aufteilung zu wenig Bühne. Als Leserin wollte ich mehr Zeit mit ihm verbringen. Als Autorin frage ich mich, ob weniger manchmal mehr gewesen wäre, ob ein engerer Fokus dem Roman einen stärkeren emotionalen Kern gegeben hätte. Das ist keine Kritik, es ist die Frage, die ich mir selbst stellen würde.
Der frühe Charaktertod ist mutig. Er sagt: Hier ist niemand sicher. Das ist eine Entscheidung, die Vertrauen kostet und Spannung kauft. Ich nehme sie als Erinnerung mit.
Blaues Blut ist ein Debüt, das ich gerne gelesen habe. Nicht weil es perfekt ist, sondern weil es eine Stimme zeigt, die weiß, was sie erzählen will. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Das ist ein guter Anfang.