Die Spiele der Unsterblichen – Avery | Rezension - Rezensionsexemplar
Als Leserin, Lektorin und Autorin
Manchmal liegt das Buch schon auf dem Tisch, bevor man sich entschieden hat, es zu lesen. Bei "Die Spiele der Unsterblichen" von Annaliese Avery war das so: Der Farbschnitt, das Cover, die beigelegte Karte, das war keine Beiläufigkeit, sondern eine Einladung. Und Einladungen dieser Art nehme ich an.
Was ich nicht wusste: Das Buch würde mich aus allen drei Perspektiven beschäftigen, die ich beim Lesen immer mitbringe, als Leserin, als Lektorin und als Autorin. Manchmal sind sich die drei einig. Manchmal nicht. Hier war es ein bisschen von beidem.
Als Leserin
Die Prämisse hat mich sofort gepackt. Ara, sechzehn, sinnt auf Rache für den Tod ihrer Schwester in den Spielen der Unsterblichen – und wird nicht von Zeus, wie erhofft, sondern von Hades erwählt. Was dann folgt, ist eine Geschichte über Verlust, Macht, Selbstfindung und eine Slow-Burn-Romance, die wirklich langsam brennt, auf eine gute Art.
Hades hat mich überrascht. Ich war skeptisch, ob die Autorin der Versuchung widersteht, ihn als düsteren Traummann ohne Ecken zu bauen. Sie hat widerstanden. Er ist widersprüchlich, manchmal schwer lesbar, manchmal schmerzhaft klar, und die Dynamik zwischen ihm und Ara baut sich glaubwürdig auf. Kein Liebes-auf-den-ersten-Blick. Echter Spannungsaufbau, der Geduld braucht und belohnt.
Die Sogwirkung war echt. Ich habe das Buch über weite Strecken nicht weglegen wollen. Was mich am Ende ein bisschen gekostet hat, war das Finale, das zu sauber aufgeht, zu harmonisch, nach allem, was vorher dramatisch aufgebaut wurde. Als Leserin hat mich das emotional nicht ganz befriedigt. Aber der Weg dorthin hat sich gelohnt.
Als Lektorin
Hier bin ich strenger, das ist mein Job.
Das Stärkste, was Annaliese Avery in diesem Roman macht, ist der Spieltisch-Mechanismus: Die Götter steuern das Schicksal der Menschen nicht durch direkte Eingriffe, sondern über ein mythologisches Spielsystem, das die klassische Mythologie weiterdenkt, statt sie nur zu kopieren. Das ist originell. Das ist gut integiertes Worldbuilding, weil es nicht neben der Handlung existiert, sondern sie strukturiert.
Auch die Figurenzeichnung der Götter ist handwerklich stärker als der Genredurchschnitt. Die Dynamik zwischen Zeus, Poseidon und Hades ist nuanciert, ihre Motivationen sind nachvollziehbar, ohne eindimensional zu sein. Hier hätte ich in einem Lektoratsgespräch wenig zu ergänzen gehabt.
Was ich angemerkt hätte: die Tempuswechsel. An mehreren Stellen wechselt der Text zwischen Präsens und Präteritum, ohne dass es eine dramaturgische Funktion erfüllt. Das ist kein großes Problem, aber es ist spürbar, besonders weil die Sprache sonst ambitioniert und bildgewandt ist. Der Kontrast macht die Unebenheiten sichtbarer, als sie in einem weniger anspruchsvollen Text wären. Dazu stellenweise verschachtelte Satzkonstruktionen, die Tempo nehmen, wo Tempo gefragt wäre.
Und dann das Finale. Was mich aus Lektorinnensicht am meisten beschäftigt: Die emotionalen und dramatischen Konsequenzen, die über zwanzig Kapitel sorgfältig aufgebaut wurden, werden am Ende zu schnell und zu reibungslos aufgelöst. Das ist ein strukturelles Problem, das ich in vielen Stand-Alone-Fantasyromanen sehe, der Schluss muss die Last des ganzen Buches tragen, und manchmal knickt er darunter ein. Hier wäre in einem weiteren Lektoratsdurchgang noch viel möglich gewesen.
Als Autorin
Als ich selbst an Fantasyromanen schreibe, lese ich andere immer mit einer stillen Frage im Hinterkopf: Was kann ich davon mitnehmen?
Aus diesem Buch nehme ich den Spieltisch-Mechanismus als Denkmodell mit. Nicht das Konzept selbst, das gehört Avery, aber die Frage dahinter: Wie kann ich ein mythologisches oder magisches System so bauen, dass es nicht nur Kulisse ist, sondern Handlung trägt? Das ist eine der schwierigsten Aufgaben im Fantasyfach, und hier habe ich ein gutes Beispiel gesehen.
Was mich als Autorin nachdenklich gemacht hat: das Finalproblem. Ich erkenne es aus eigenen Manuskripten. Man baut Spannung auf, man investiert in Konsequenz, und dann kommt der Schluss – und man will, dass alle irgendwie gut rauskommen. Der Impuls ist menschlich. Aber er kostet oft die Glaubwürdigkeit, die man sich über dreihundert Seiten erarbeitet hat. Das ist eine Lektion, die ich mir für mein eigenes Schreiben noch einmal notiert habe.
Fazit
"Die Spiele der Unsterblichen" ist ein Jugendfantasyroman, der mehr macht, als sein Genre verspricht – mit echtem Worldbuilding, vielschichtigen Götterfiguren und einer Slow-Burn-Romance, die den Namen verdient. Die handwerklichen Unebenheiten sind real, aber sie nehmen dem Buch nicht seine Stärke. Ich vergebe 4 von 5 Sternen, und ich würde es jeder empfehlen, die eine starke Protagonistin, griechische Mythologie und geduldige Romantik sucht.
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