Im Sommer der Wildbienen – Nina Mayen | Rezension - Rezensionsexemplar

Es gibt Bücher, die man mit einer bestimmten Erwartung aufschlägt, und die einem dann genau das geben, womit man nicht gerechnet hat. "Im Sommer der Wildbienen" von Nina Mayen war für mich so ein Buch. Ich hatte einen soliden, freundlichen Sommerroman erwartet, das Äquivalent eines warmen Abends auf der Terrasse mit einem Glas Weißwein. Was ich bekommen habe, war tiefer, stiller und überraschend nachhaltiger.

Als Leserin

Flora flüchtet nach einer Panikattacke aus der Stadt, zieht in das Haus ihrer verstorbenen Großmutter auf dem Land und findet dort, zwischen einem verwunschenen Garten und einem Schwarm Wildbienen, langsam wieder zu sich selbst. Dann kommt Eden, und der Sommer wird zu etwas, das sie nicht mehr loslassen will.

Was mich als Leserin am meisten berührt hat, war nicht die Liebesgeschichte, so schön sie ist, sondern der Rhythmus des Buches. Nina Mayen schreibt in einem Tempo, das bewusst entschleunigt. Das wirkt sich körperlich aus beim Lesen: Man atmet anders. Die Naturbeschreibungen tragen die Stimmung, ohne ins Schwärmerische zu kippen, und Floras innere Entwicklung vollzieht sich in kleinen, glaubwürdigen Schritten. Ja, es gibt Längen. Ja, manche Wendungen waren früh absehbar. Aber das hat dem Lesevergnügen erstaunlich wenig geschadet, weil das Buch emotional so stimmig ist.

Als Lektorin

Hier wird es etwas kritischer, was nicht bedeutet, dass meine Einschätzung grundlegend anders ist, sondern nur, dass ich mit anderen Augen hingeschaut habe.

Das Stärkste am Buch ist die Verwendung der Wildbienen als Erzählebene. Sie sind keine bloße Metapher, kein aufgesetztes Symbol für Gemeinschaft oder Natur. Sie funktionieren als echte Parallelebene zu Floras innerer Reise: ruhig, präzise, ohne zu erklären. Das ist schwieriger zu schreiben als es klingt, und Nina Mayen bekommt das hin.

Was ich unter Lektoratsbedingungen angemerkt hätte: Einige Szenen in der Mitte des Buches hätten gestrichen oder gestrafft werden können. Sie bereichern weder die Figurenentwicklung noch die Atmosphäre, sondern bremsen den Erzählfluss an Stellen, an denen das Buch Fahrt aufnehmen könnte. Die vorhersehbaren Wendungen wiederum sind weniger ein Plotproblem als ein Motivationsproblem: Sie entstehen nicht aus der inneren Logik der Figuren, sondern aus Genrekonventionen. Das ist ein Unterschied, der sich beim Lesen spürbar macht, auch wenn man ihn vielleicht nicht sofort benennen kann.

Die Beziehung zwischen Flora und Eden hingegen ist handwerklich sehr gut gemacht. Sie wird nicht überstürzt, nicht dramatisch aufgebläht, sondern entwickelt sich mit einer Natürlichkeit, die dem Buch insgesamt zugutekommt.

Als Autorin

Was nehme ich mit?

Am meisten hat mich die Entscheidung beeindruckt, einen Roman so konsequent im Tempo der Figur zu erzählen, nicht im Tempo der Handlung. Flora kommt langsam zur Ruhe, und das Buch kommt langsam zur Ruhe. Das ist ein erzählerisches Risiko, besonders in einem Markt, der oft auf schnelle emotionale Payoffs setzt. Es funktioniert hier, weil die Naturbeschreibungen als Stimmungsträger präzise genug sind, um den Rhythmus zu rechtfertigen.

Was mich als Schreibende nachdenklich gemacht hat: die Frage, wie viel Erklärung eine Metapher braucht, um zu wirken. Die Wildbienen werden nie ausgedeutet, und das ist genau richtig. Als ich das Buch zugeklappt habe, habe ich mir notiert: Vertraue dem Bild. Du musst nicht jeden Vergleich ausformulieren.

Fazit

"Im Sommer der Wildbienen" ist ein Sommerroman, der mehr kann als er verspricht. Er hat Schwächen, die ein Lektoratsauge sieht, aber er hat eine emotionale Stimmigkeit, die sich über alle handwerklichen Anmerkungen hinwegsetzt. Für alle, die ruhige Selbstfindungsgeschichten, queere Liebesgeschichten und Naturbeschreibungen mögen, die tatsächlich etwas leisten: unbedingte Empfehlung.

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