Manchmal liest man ein Buch, weil der erste Satz des Klappentextes einen nicht loslässt.

Bei "Das Jahr der Schmetterlinge" von Lea Korsgaard war es diese Vorstellung, dass jemand ohne jedes Vorwissen beschließt, innerhalb eines Jahres alle heimischen Schmetterlingsarten zu finden, einfach weil sie spürt, dass etwas sie ruft. Das hat mich neugierig gemacht, und mit dieser Neugier habe ich das Buch auch gelesen. Das Ergebnis war vielschichtiger als erwartet.

Als Leserin hatte ich von Anfang an eine ehrliche Beziehung zu diesem Buch, aber keine einfache. Die Grundidee trägt weit, das ist das erste, was ich sagen möchte. Die Suche nach Schmetterlingen als Suche nach dem Sinn, die Natur als Spiegel für die eigenen Lebensfragen, das ist kein billiger Trick, sondern ein echtes Konzept. Ich habe die Metaebene verstanden und sie auch als sinnvoll empfunden. Was mich aber immer wieder gebremst hat, waren die langen Naturbeschreibungen. Sie sind schön, manchmal sehr schön, aber sie stauen sich an Stellen, wo ich als Leserin Fahrt aufnehmen wollte. Ich habe das Buch in mehreren Etappen gelesen, mit Pausen dazwischen, und das war keine romantische Langsamkeit, sondern eine Notwendigkeit. Dazu kommt, dass mir die innere Welt der Autorin trotz allem Bemühen zu wenig zugänglich blieb. Ich habe ihre Gedanken gelesen, aber ich habe sie selten gefühlt.

Als Autorin habe ich etwas beobachtet, das mich ehrlich beschäftigt hat, nämlich wie es Korsgaard schafft, die philosophischen Einschübe so zu platzieren, dass sie nie aufgesetzt wirken. Das ist handwerklich nicht selbstverständlich, gerade in einem Buch, das zwischen Naturkunde, Memoir und Essay pendelt. Wenn ein Gedanke über den Sinn des Lebens aus einer Beobachtung über das Flugverhalten eines Bläulings erwächst, dann funktioniert das, weil die Überleitung organisch ist. Das habe ich mir notiert. Was ich als Autorin hingegen kritisch sehe, ist die Balance zwischen äußerem Erleben und innerer Entwicklung. Das Buch zeigt viele Landschaften, aber zu selten, was diese Landschaften mit dieser einen, konkreten Frau machen. Die Transformation wird behauptet, mehr als dass sie gezeigt wird.

Als Lektorin werde ich konkreter, denn das ist mein schärfstes Instrument. Das strukturelle Gerüst des Buches ist solide, die Jahresreise gibt einen verlässlichen chronologischen Rahmen, der dem Text Halt gibt. Das Problem liegt tiefer, nämlich in der Charakterzeichnung der Erzählerin selbst. Für eine Transformation, die so zentral im Mittelpunkt stehen soll, fehlt mir die dramaturgische Ausarbeitung der inneren Veränderung. Wir sehen vor allem, was Korsgaard tut und wohin sie geht, aber die Frage, wie sich ihre Haltung zum Leben wirklich verändert, warum dieser Wandel ausgerechnet durch Schmetterlinge ausgelöst wird und nicht durch irgendetwas anderes, das bleibt vage. Die langen Beschreibungspassagen verstärken dieses Problem, weil sie das Tempo bremsen, bevor eine echte emotionale Bindung zur Erzählerin entstanden ist. Ein Lektor hätte hier wahrscheinlich an der Gewichtung gearbeitet.

Mein Fazit fällt ehrlich aus: "Das Jahr der Schmetterlinge" ist ein Buch, das ich mit echtem Respekt für sein Vorhaben gelesen habe und das trotzdem nicht ganz mein Buch geworden ist. Drei Sterne vergebe ich für die gelungene philosophische Einbettung, für das aufrichtige Naturanliegen und für eine Grundidee, die trägt. Den fehlenden Sternen liegt nicht Böswilligkeit zugrunde, sondern das ehrliche Empfinden, dass zwischen dem Versprechen des Klappentextes und meiner tatsächlichen Leseerfahrung eine Lücke blieb. Wer Naturbücher in kleinen Portionen genießt, wer sich für Artenschutz, Naturphilosophie und stille Reisen begeistert, der wird hier mehr finden als ich. Wer hingegen eine starke emotionale Innenwelt und dichte Charakterentwicklung braucht, der sollte das wissen, bevor er zu diesem Buch greift.

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Es war ein Impuls. Ich habe den Klappentext gelesen, das Cover gesehen, den ersten Satz aufgeschlagen und gedacht: Das will ich lesen.

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