Es war ein Impuls. Ich habe den Klappentext gelesen, das Cover gesehen, den ersten Satz aufgeschlagen und gedacht: Das will ich lesen.
Furyé von Kat Eryn Rubik stand danach schnell auf meinem SUB, und ich bin mit einer klaren Erwartungshaltung reingegangen. Eine namenlose Erzählerin. Eine Küstenstadt mit Geheimnissen. Ein Unfall, der keiner war. Das klang nach genau dem richtigen Buch für einen langen Abend.
Was ich dann erlebt habe, war komplizierter, und darüber möchte ich heute ehrlich schreiben.
Als Leserin:
Ich habe lange gebraucht, bis ich wirklich in Furyé angekommen bin. Das ist keine Kleinigkeit, denn ich bin jemand, die Büchern gern Zeit gibt. Aber selbst mit dieser Bereitschaft war die erste Hälfte für mich eine echte Herausforderung. Das Tempo ist gedämpft, die Handlung entfaltet sich sehr behutsam, und ich hatte wiederholt das Gefühl, dass mir die Geschichte etwas verspricht, das sie noch nicht einlösen will. Als die Erzählung dann in der zweiten Hälfte Fahrt aufnahm, war ich froh, drangeblieben zu sein. Aber dieser Weg dorthin war zäh, und ich weiß, dass nicht alle Leserinnen und Leser ihn mitgehen werden. Die emotionale Leseerfahrung war für mich deshalb zwiegespalten: beeindruckt vom Stil, ein wenig erschöpft von der Durststrecke.
Als Autorin:
Was mich an diesem Buch wirklich beschäftigt hat, ist die Erzählstimme. Kat Eryn Rubik schreibt mit einer Präzision, die man nicht an jeder Ecke findet. Die namenlose Protagonistin ist in wenigen Sätzen klar konturiert: smart, ein bisschen zynisch, emotional auf Distanz. Das ist Charakterarbeit, die zeigt, wie viel eine gut gesetzte Formulierung leisten kann, ohne dass man seitenweise Backstory braucht. Ich habe als Autorin viel beobachtet und notiert, besonders, wie literarische Mittel hier nicht ornamental, sondern strukturell eingesetzt werden. Gleichzeitig hat mich dieses Buch an etwas erinnert, das ich selbst im Schreiben immer wieder verhandle: Eine starke Stimme kann viel tragen, aber sie kann ein dramaturgisches Defizit nicht vollständig ausgleichen. Das ist keine Kritik, die ich leichtfertig äußere. Es ist eine Beobachtung, die mir wichtig erscheint.
Als Lektorin:
Hier werde ich konkreter. Die dramaturgische Kurve von Furyé ist in der ersten Hälfte nahezu flach. Die Protagonistin hat eine klar erkennbare emotionale Ausgangssituation: Sie glaubt, nichts mehr fühlen zu können. Diese Prämisse ist stark. Aber die Entwicklung, das Rühren in dieser inneren Starre, setzt zu spät ein, um die Leserin früh genug emotional zu verankern. Das Notizbuch-Format, das die Erzählung rahmt, ist eine interessante erzählerische Entscheidung. Ich frage mich allerdings, ob es in der Umsetzung das hält, was es verspricht. Ein solches Format schafft von Natur aus Erzähldistanz. Das kann gewollt sein, um die emotionale Abgeschnittenheit der Figur zu spiegeln. Es kann aber auch dazu führen, dass Lesende nie wirklich nah an die Figur herankommen, und ich hatte an mehreren Stellen das Gefühl, dass genau das passiert. Die Charaktermotivation der Nebenfiguren bleibt zudem dünn, was den Mittelteil weiter belastet.
Fazit:
Furyé ist kein schlechtes Buch. Es ist ein ungleiches Buch, das handwerklich bemerkenswerte Qualitäten hat und dramaturgisch hinter seinem eigenen Potential zurückbleibt. Drei Sterne vergebe ich mit echtem Respekt vor dem Stil und echter Ambivalenz gegenüber der Umsetzung. Ich empfehle es Leserinnen und Lesern, die literarische Stimmen über schnelle Handlung stellen und bereit sind, sich Zeit zu nehmen. Wer Sog und Spannung von der ersten Seite erwartet, sollte die Erwartungen vorher justieren.