Manchmal greife ich zu einem Buch mit dem leisen Vorbehalt, dass es mich wahrscheinlich nicht überraschen wird.

Das klingt arrogant, ist es aber nicht, es ist schlicht Berufskrankheit. Als Lektorin und Autorin lese ich Genre-Strukturen manchmal schneller, als sie sich entfalten wollen. Bei Brombeerliebe auf Schottisch von Karin Lindberg war dieser Vorbehalt halbberechtigt. Aber nur halb.

Ich habe das Buch gelesen, weil der Klappentext etwas versprach, das ich im Liebesroman-Bereich zu selten finde: eine erwachsene Frau mit echtem Leben als Protagonistin. Keine Studentin, keine jung-naive Träumerin, sondern eine Hebamme, Mutter zweier Kinder, frisch geschieden, mit dem konkreten Berufsziel, eines Tages eine eigene Praxis zu führen. Das allein hat mein Interesse geweckt. Was ich dann bekommen habe, war mehr und weniger als erwartet.

Als Leserin: ein herzliches, atmosphärisches Lesevergnügen

Die Stärke von Brombeerliebe auf Schottisch liegt in seiner Wärme. Kiltarff am Loch Ness ist liebevoll und glaubwürdig skizziert, die Kleinstadt-Dynamik fühlt sich nicht kulissenhaft an, sondern belebt. Caitlins Alltag als alleinerziehende Mutter ist präsent, ohne melodramatisch zu werden, und genau das gibt der Liebesgeschichte ihre Besonderheit. Sie entwickelt sich in einem Leben, das schon vollständig ist. Rhys ist charmant ohne zu nerven, und die Szenen zwischen den beiden haben Timing und echten Humor. Ich habe mich in dieser Geschichte wohl gefühlt, mit einem klaren Aber: An mehreren Stellen war ich schneller als das Buch. Das Mittelstück plätschert, und ich habe gemerkt, wie meine Aufmerksamkeit leicht abgedriftet ist, weil die Handlung sich nicht genug zugespitzt hat, um mich zu halten.

Als Autorin: Was ich gelernt habe, und was ich anders gemacht hätte

Der Schreibstil von Karin Lindberg ist angenehm. Er ist klar, warm, nie überladen. Die Dialoge klingen nach echten Menschen, was ich höher schätze als manch ausgefeilte Prosa. Was mich als Autorin am meisten beschäftigt hat, war die Entscheidung, wie viel Raum die externen Konflikte einnehmen. Paparazzi, Hollywood-Skandal, Rhys' Vergangenheit, das sind Elemente mit echtem Bedrohungspotenzial, und sie werden auch eingeführt, aber sie sitzen zu lange in der zweiten Reihe. Als Autorin weiß ich, wie schwer es ist, externe und interne Konfliktebenen gleichzeitig am Laufen zu halten, und hier hätte ich mir gewünscht, die äußere Bedrohung früher spürbarer zu machen. Nicht dramatischer, sondern konkreter.

Als Lektorin: Das handwerkliche Urteil

Hier muss ich am ehrlichsten sein. Das Pacing ist das strukturelle Hauptproblem des Buches. Die Dramaturgie im Mittelteil ist zu weiträumig angelegt für den Konflikt, der dort steckt. Wenn die Außenhandlung, also die Frage, ob Caitlins Ruf und Lebensentwurf durch Rhys' Welt gefährdet werden, zu lange ohne Konsequenzen bleibt, verliert sie ihre Zugkraft als Erzählmotor. Der Leser weiß theoretisch, dass etwas auf dem Spiel steht, aber er fühlt es nicht. Das ist ein Unterschied, der über Lesezufriedenheit entscheidet.

Gleichzeitig möchte ich als Lektorin ausdrücklich loben, was hier beim Figurendesign passiert ist. Caitlin als Protagonistin ist ein mutiger Schritt, weil alleinerziehende Mütter in der Romantik selten Hauptrollen bekommen, und oft, wenn doch, wird die Mutterschaft eher als Hindernis erzählt als als Wesenskern. Hier ist sie beides: Teil des Konflikts und Teil dessen, wer Caitlin ist. Das ist gut gemacht.

Fazit: Für wen lohnt sich das Buch?

Brombeerliebe auf Schottisch ist eine Empfehlung mit Vorbehalt. Wer Cozy-Romance mit Substanz sucht, reife Frauenfiguren schätzt und bereit ist, ein etwas breiteres Mittelteil in Kauf zu nehmen, wird hier echte Freude haben. Wer strammes Tempo und knackige Konfliktdramaturgie erwartet, könnte an manchen Stellen ungeduldig werden. Ich vergebe 3,5 Sterne, gerne und ohne zu zögern, weil Lindberg etwas macht, das ich mir öfter wünsche: Sie traut ihrer Figur ein Leben zu, bevor sie ihr die Liebe schickt.

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Es gibt Bücher, die man liest, und Bücher, in die man einzieht. Der Nachtzirkus von Erin Morgenstern gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.

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Es war ein Impuls. Ich habe den Klappentext gelesen, das Cover gesehen, den ersten Satz aufgeschlagen und gedacht: Das will ich lesen.