Iced Coffee, Kleinstadt und das leise Unbehagen danach
Ich lese Small Town Romance nicht trotz der Tropes, sondern wegen ihnen. Das klingt vielleicht nach einer Verteidigung, ist es aber nicht. Ich finde, es braucht handwerkliches Können um bekannte Muster so zu befüllen, dass sie sich frisch anfühlen. Und genau das ist der Maßstab, den ich anlege wenn ich einen neuen Roman von Kyra Groh aufschlage, einer Autorin die in der deutschen Buchcommunity zurecht gut aufgestellt ist.
The Iced Caramel Coffee Agreement ist Band 2 der Lower Whilby-Reihe. Ich habe Band 1 nicht gelesen, bin aber problemlos in die Geschichte hineingekommen. Das spricht für die Autorin, dass sie jedem Band eine eigene Zugänglichkeit gibt.
Als Leserin
Die ersten Kapitel haben mich sofort. Eleanore ist eine Figur, die ich mag, weil sie nicht an sich zweifelt, sondern an ihrer Rolle. Sie weiß wer sie ist, und sie will trotzdem mehr. Das ist ein feiner Unterschied, der für mich viel ausmacht. Dex kommt mit genug Gepäck um interessant zu sein, aber nicht so viel, dass es überwältigend wird. Die Festival-Kulisse in Lower Whilby gibt dem Roman eine Leichtigkeit und Wärme, die ich beim Lesen wirklich genossen habe.
Allerdings bin ich im zweiten Drittel ins Stocken geraten. Nicht weil die Geschichte schwächer wurde, sondern weil das Verhältnis zwischen emotionaler Entwicklung und expliziten Szenen sich verschoben hat. Ich habe das Gefühl gehabt, dass das Buch an manchen Stellen mehr sein wollte als eine Romanze, und gleichzeitig das Emotionale etwas zurückgestellt hat um Raum für anderes zu schaffen. Das ist mein subjektiver Eindruck als Leserin, und ich weiß dass andere das anders erleben werden.
Als Autorin
Kyra Groh kann Rhythmus. Das ist keine Kleinigkeit. Viele Romane, die ich lese, haben einen ungleichmäßigen Erzähltakt, der mich aus dem Fluss reißt. Hier stimmt das Tempo, die Perspektivwechsel zwischen den beiden POVs sind sauber gesetzt, und die Dialoge haben das, was ich als Autorin immer anstrebe: sie klingen natürlich und tragen gleichzeitig Subtext.
Was mich als Autorin beschäftigt hat: Einzelne Szenen wirken so, als hätten sie eine Funktion von außen zugeteilt bekommen, statt organisch aus der Figuren- oder Plotlogik zu wachsen. Das ist ein feines Problem, aber es ist spürbar. Wenn ich im Schreiben merke, dass eine Szene einen Zweck erfüllen soll statt eine Geschichte weiterzuerzählen, ist das ein Signal zum Überarbeiten. Ich glaube, einige dieser Momente hätten von einer weiteren Überarbeitungsrunde profitiert.
Als Lektorin
Hier werde ich am konkretesten. Erzählökonomie bedeutet für mich: Jede Szene soll mehrere Dinge gleichzeitig leisten. Spannung aufbauen, Charakter zeigen, die Beziehung entwickeln, oder das Thema vertiefen. Idealerweise mehr als eines davon.
In The Iced Caramel Coffee Agreement geraten einige explizite Szenen aus dieser Balance. Sie übernehmen Raum, der in einer Romanze für den emotionalen Durchbruch reserviert sein sollte, ohne selbst diesen emotionalen Durchbruch zu leisten. Intimität kann in einer Liebesgeschichte sehr viel bedeuten, wenn sie gut in die Dramaturgie eingebettet ist. Wenn sie aber die Stelle des emotionalen Eskalationspunkts einnimmt ohne diesen Moment wirklich auszufüllen, fühlt sich die Romanze flacher an als das Potential der Figuren vermuten lässt.
Dex und Eleanore hätten mehr getragen. Das ist das ehrlichste Urteil, das ich fällen kann.
Fazit
Drei Sterne, vergeben mit echtem Respekt. Kyra Groh schreibt gut, und Lower Whilby ist eine Welt, in der ich gerne bin. Wer den Stil der Autorin kennt und liebt, mit expliziterem Inhalt offen umgeht und eine leichte Frühlings-Romanze mit Festival-Flair sucht, wird hier glücklich werden. Wer wie ich vor allem die emotionale Tiefenschicht einer Romanze sucht, könnte ähnlich ambivalent herauskommen. Nicht enttäuscht, aber auch nicht restlos überzeugt.