Harry Potter und die Kammer des Schreckens – unser Reread: Buch vs. Film

Einbettungs-Block
Gültigen Einbettungscode oder -URL eingeben.

Mal ehrlich: Band zwei ist der Harry-Potter-Band, an den wir uns beide am wenigsten erinnert haben. Band drei? Sofort da, unser Favorit. Band eins? Klar. Aber die Kammer des Schreckens war irgendwie … so ein bisschen da. Die Weasleys, der Fuchsbau, das fliegende Auto – als Kind fand man die Vorstellung, im Auto zu fliegen, einfach nur cool. Und dann wurde es schwammig.

Grund genug, genauer hinzuschauen.

Für alle, die neu dazukommen: In unserem Harry-Potter-Special lesen wir die komplette Reihe noch einmal, Band für Band, und schauen direkt danach den Film. Anne liest im englischen Original, Jo auf Deutsch – und genau dieser Vergleich bringt jedes Mal Dinge ans Licht, die uns sonst nie aufgefallen wären.

Was der Film einfach weglässt

Buch und Film direkt hintereinander zu konsumieren, ist gnadenlos. Man merkt sofort, wie viel fehlt – und wie sehr man das Buch eigentlich kennen muss, damit der Film überhaupt Sinn ergibt.

Das fängt schon am Anfang an. Im Buch spürt man richtig, wie sehr Harry zweifelt: Den ganzen Sommer kein einziger Brief von Ron und Hermine – sind die überhaupt noch seine Freunde? Und trotzdem wehrt er sich gegen Dobbys Warnung, nicht nach Hogwarts zurückzukehren. Im Film? Kaum vorhanden. Auch die Szene mit der Torte, die über dem Kopf von Onkel Vernons Gästen landet, ist im Buch einfach besser geschrieben.

Was außerdem fehlt:

  • Die Nokturngasse mit Lucius und Draco Malfoy – im Buch eine wichtige Szene, im Film komplett gestrichen (genau wie die Uniformanprobe in Band eins)

  • Mr. Weasley mit seinem Job im Ministerium, seiner Faszination für Muggel und seinem illegal verzauberten Auto – kleine, liebevolle Details, die die Welt so viel greifbarer machen

  • Der Valentinstag mit den Briefchen und dem Gedicht für Harry, in dem seine Augen mit einer frisch gepökelten Kröte verglichen werden. Wer will das nicht hören?

  • Hermines Zeit auf der Krankenstation – im Buch ist sie nach dem Vielsafttrank-Unfall wochenlang weg. Und Lockhart schickt ihr eine Genesungskarte, persönlich unterschrieben, mit all seinen Titeln. Natürlich.

Genau deshalb lohnt sich ein Reread übrigens: Bei jedem Lesen fallen neue Details auf. Zum Beispiel, dass Dobby in diesem Band überhaupt erst eingeführt wird. Das war uns gar nicht mehr bewusst – wahrscheinlich, weil er die ganze Reihe über bleibt und sich anfühlt, als wäre er immer schon da gewesen.

Fuchsbau vs. Malfoy: Warum Kontraste so gut funktionieren

Der Übergang von den Dursleys zum Fuchsbau ist einfach schön. Plötzlich ein Haus, in dem Magie das Geschirr wäscht und Nadeln von selbst Pullover stricken – genau das, was man sich als Kind gewünscht hat.

Und dann dieser feine Kontrast: Ron schämt sich für sein Zuhause, Harry findet es großartig. Ron fühlt sich oft minderwertig, für Harry bedeutet genau dieses Zuhause alles. Der kratzige Weihnachtspulli, den Ron hasst und Harry liebt, gehört in dieselbe Reihe.

Die Botschaft – man kann mit wenig glücklich sein, wenn Liebe im Haus ist – liest man als Erwachsene viel bewusster. Genau wie den Gegensatz zu Malfoy, der alles hat. Außer sichtbarer Liebe.

Aus Autorinnensicht ist das ein richtig gutes Werkzeug: Gerade in Jugendbüchern helfen starke Kontraste, Botschaften unterschwellig zu transportieren. Als Kind reflektiert man das nicht bewusst – aber es kommt an.

Lockhart: Warum die Figur so gut funktioniert

Gilderoy Lockhart ist von der ersten Szene an klar überzeichnet: extrovertiert, aufmerksamkeitshungrig, Schönling. Und gleichzeitig ist er nicht so dumm, wie er wirkt. Er nutzt geschickt aus, was er hat, um das Maximum für sich rauszuholen. Sympathisch? Nein. Interessant? Absolut.

Er schafft es in fast jeder Szene, sich selbst wieder ins Bild zu rücken. Und hat dabei keiner Fliege was zuleide getan – nicht mal den Monstern in seinen eigenen Büchern.

Ein paar Lockhart-Momente, die hängen bleiben:

  • Die Szene, in der er Harrys Arm die Knochen wegzaubert. Körperlich fast greifbar eklig – aber dramaturgisch nötig, um zu zeigen, wie unfähig er ist.

  • Die Wichtel, die den Kronleuchter runterreißen: komisch, aber auch ein Stück Mitgefühl mit Harry, den es irgendwie immer trifft.

  • McGonagalls trockenes „Sie sind doch der Experte“ – und Lockhart, der so schnell wie möglich abhauen will.

  • Sein Ende: Er zaubert sich selbst das Gedächtnis weg. Damit bekommt sogar Rons kaputter Zauberstab noch einen Sinn.

Im Buch ist die Auflösung, wie Lockhart sich seinen Ruhm zusammengestohlen hat, übrigens deutlich besser ausgearbeitet. Im Film geht das sehr schnell.

Was wir bis heute nicht ganz verstehen: Was genau finden Mädchen wie Hermine an ihm? Er ist kein Draufgänger, er erzählt vor allem, was er angeblich Tolles getan hat. Vielleicht ist frühes Schwärmen einfach individueller, als man denkt.

Und die Besetzungsfrage: Ursprünglich war Jason Isaacs für die Rolle im Gespräch – zum Glück nicht besetzt, als Lucius Malfoy ist er viel überzeugender. Jude Law kam uns auch in den Sinn, aber der ist ja später in „Phantastische Tierwesen“ schon Dumbledore.

Ist Lockhart ein Antiheld? Eher nicht. Er ist eine treibende Nebenfigur. Ohne seinen Tumult im Buchladen hätte Lucius Malfoy Ginny das Tagebuch gar nicht so leicht unterjubeln können. Er bringt frischen Wind rein – auch wenn er selbst nicht der Held ist.

Wenn eine Übersetzung nervt: der „Taschenkalender“

Band eins war ziemlich gut übersetzt. Bei Band zwei fallen ein paar Stellen weniger gelungen auf – und eine ganz besonders.

Im Original ist konsequent von einem „Diary“ die Rede. Im Deutschen heißt das Kapitel „Der sehr geheime Taschenkalender“, und es bleibt durchgehend beim Taschenkalender. Wer schreibt denn bitte seine Herzensangelegenheiten in einen Kalender?

Ein Tagebuch, das zurückschreibt, ist als Element einfach ein großartiges Ding. Ein Kalender, der zurückschreibt … eher nicht. Wenn man einmal drauf achtet, stört es die ganze Zeit.

Zu viel auf einmal

Unser ehrliches Fazit: Band zwei ist überladen. Lockhart, Vielsafttrank, Duellierclub, fliegendes Auto, Dobby, peitschende Weide, Spinnen im Wald, Fuchsbau, Basilisk – so viele Elemente und Handlungsstränge, dass keiner die Zeit bekommt, die er verdient hätte. Der ganze Vielsafttrank-Plot führt am Ende nur zu der Erkenntnis, dass Malfoy es nicht war. Ganz schön umständlich für das Ergebnis.

Auffällig ist auch, wie viel aus Band eins zusammengefasst wird. Das wirkt heute etwas viel – war damals aber nötig. Man musste ein bis anderthalb Jahre auf den nächsten Band warten und konnte nicht mal eben nachschlagen. Daher auch die berühmten Schlangen von Kindern vor den Buchhandlungen. Ein Bild, das es heute so kaum noch gibt.

Was Rowling dagegen richtig gut kann: Hinweise lange unkommentiert stehen lassen. Das Tagebuch liegt da, und erst ganz am Schluss ergibt alles Sinn. Und auch klug: Figuren wie Cornelius Fudge werden schon hier eingeführt, bevor sie in Band drei wichtiger werden.

Das Finale mit Schwert, Sprechendem Hut und Fawkes wirkt dagegen etwas überkonstruiert. Die Verbindung zu Gryffindor sollte gezeigt werden, Fawkes sollte wegen der Träne noch eine Rolle spielen – theoretisch hätte es gereicht, wenn der Phönix einfach das Schwert bringt. Man merkt: Die Geschichte musste langsam zu einem Ende kommen.

Was wir als Erwachsene anders lesen

Manche Stellen liest man mit zwölf einfach anders. Zum Beispiel, wie krass Malfoys Hass auf Hermine ist. Er wünscht ihr in diesem Band mehrfach den Tod – „Schade, dass es nicht die Granger war“. Das ist uns damals gar nicht so aufgefallen. Jetzt schon, weil es nicht einmal, sondern immer wieder kommt. (Und ja, vielleicht gibt es auch genau deshalb so viel Draco-Hermine-Fanfiction.)

Überhaupt dieses typische Muster in Kinder- und Jugendbüchern: der eine, absolute Erzfeind. Als Erwachsene hat man selten den einen Erzfeind – eher viele kleine Konflikte gleichzeitig. Hoffentlich jedenfalls.

Auch Lucius Malfoy, der mit Kindern spricht, als wären sie ebenbürtige Gegner, ist unangenehm. Wirkt fast unrealistisch für einen erwachsenen Mann – ist es vermutlich aber gar nicht.

Und das Ende mit Dobby: Im Buch gibt Harry Lucius das Tagebuch mit der Socke zurück, Lucius reicht sie weiter, Dobby ist frei. Kein angedeuteter unverzeihlicher Fluch wie im Film – der dramaturgisch auch keinen Sinn macht, denn Lucius würde sich damit direkt vor Dumbledores Büro verraten. Aber Filme brauchen wohl immer ein bisschen mehr Drama.

Ganz am Schluss dann Hermines Satz: „Dein Onkel und deine Tante werden doch sicher stolz sein.“ Klar, Hermine. Ganz bestimmt.

Und jetzt ihr

Manche Fantasy-Leser:innen sagen, Harry Potter sei kein richtiges Fantasy, sondern ein Kinderbuch. Wir sehen das anders: Die Bücher wachsen mit ihren Leser:innen mit, werden immer erwachsener und erzählen am Ende von einem echten Krieg mit echten Verlusten.

Deshalb unsere Fragen an euch:

  • Ist Harry Potter für euch ein Kinderbuch, ein Klassiker oder eine ganz eigene Kategorie?

  • Mit welchem Fantasyroman seid ihr ins Genre eingestiegen?

Die ganze Folge hört ihr bei Spotify, Apple Podcasts, Amazon Music und überall, wo es Podcasts gibt. Nächstes Mal geht’s weiter mit Band drei – und auf den freuen wir uns besonders.

Weiter
Weiter

Herbstbücher: Cozy oder Dark? Was Lesen im Herbst für uns ausmacht