Yours Truly von Abby Jimenez: Rezension in 3 Blickwinkeln

Es gibt diesen Moment beim Lesen, in dem man das Buch kurz sinken lässt und laut sagt: Jetzt redet doch einfach miteinander. Bei mir kam dieser Moment in einem Roman überraschend oft, und zwar in einem, auf den ich mich wirklich gefreut hatte. Yours Truly von Abby Jimenez war unser Buchclub-Buch, und es hat uns ziemlich unterschiedliche Leseerfahrungen beschert. Meine war, ehrlich gesagt, eher ernüchternd.

Die Ausgangslage klingt vielversprechend. Dr. Briana Ortiz arbeitet in der Notaufnahme, ihre Scheidung steht kurz bevor, ihr Bruder braucht dringend eine Spenderniere und um die Beförderung zur Chefärztin muss sie mit dem Neuen konkurrieren, Dr. Jacob Maddox. Der macht so ziemlich alles falsch, was man beim ersten Eindruck falsch machen kann. Bis er ihr einen Brief schreibt.

Als Leserin

Der Einstieg hat mich wirklich abgeholt. Ich bin flüssig durch die ersten Kapitel gekommen, der Ton ist leicht, mit Humor, und die Ausgangssituation hat genug Reibung, um neugierig zu machen. Als dann die Briefe ins Spiel kamen, war ich ganz bei der Geschichte. Es hat etwas sehr Zartes, wenn zwei Menschen sich schriftlich näherkommen, weil sie es im Alltag nicht schaffen, und Jacob wird in diesen Briefen zu einer Figur, die man gern kennenlernt.

Irgendwann hat sich dieses Gefühl aber verschoben. Je weiter ich gelesen habe, desto öfter war ich ungeduldig statt berührt. Ich wollte mit Briana und Jacob mitfiebern, stattdessen habe ich mich über sie geärgert, weil so vieles an Dingen hing, die man in einem einzigen Gespräch hätte klären können. Die emotionale Bindung, die die Briefe aufgebaut hatten, hat das nicht überstanden.

Als Lektorin

Handwerklich sehe ich zwei große Baustellen. Die erste ist die Themenfülle. Organspende, Sozialangst, eine zerbrechende Ehe, Familienkonflikte und berufliche Konkurrenz, das ist eine Menge für eine Romance. Jedes dieser Themen hätte genug Substanz für einen eigenen Spannungsbogen. Hier werden sie aber eher eröffnet als erzählt, und viele Fäden bekommen keinen runden Abschluss. Das wirkt nicht wie bewusste Offenheit, sondern wie fehlende Erzählökonomie. Weniger Stränge, dafür konsequent ausgearbeitet, hätten dem Buch gutgetan.

Die zweite Baustelle ist die Konfliktarchitektur. Ein großer Teil der Dramaturgie stützt sich auf Missverständnisse und darauf, dass Figuren Wichtiges nicht aussprechen. Das ist ein klassisches Romance-Mittel und kann funktionieren, wenn es aus den Figuren heraus glaubwürdig begründet ist. Bei Jacob gäbe es mit seiner Sozialangst sogar einen echten Ansatz dafür. Genutzt wird er aber kaum, der Konflikt wirkt dadurch konstruiert statt zwingend. Hinzu kommen Klischees, die genau die Themen überlagern, die das Buch eigentlich besonders machen könnten. Die ernsten Inhalte rücken in den Hintergrund, wo sie nur noch Kulisse sind.

Was ich klar positiv sehe, sind die Briefe. Sie sind der stärkste Teil des Romans, weil sie Figurentiefe über Stimme erzeugen und nicht über Erklärungen. Hier funktioniert Show-don’t-tell genau so, wie es soll.

Als Autorin

Was ich aus diesem Buch mitnehme, ist eine Erinnerung, die ich mir selbst gern an den Schreibtisch hängen würde: Ein ernstes Thema verpflichtet. Wer Organspende oder Sozialangst in eine Geschichte holt, verspricht den Leser:innen, dass diese Themen ernst genommen werden. Wenn sie dann nur den nächsten Trope vorbereiten, fühlt sich das an wie ein gebrochenes Versprechen.

Gleichzeitig hat mich die Briefform inspiriert. Sie zeigt, wie viel man über eine Figur erzählen kann, wenn man ihr eine eigene Ausdrucksform gibt, die sich von ihrem Auftreten im Alltag unterscheidet. Diese Lücke zwischen dem, wer jemand ist, und dem, wie er wirkt, ist erzählerisch Gold wert. Ich hätte mir nur gewünscht, dass das Buch diese Lücke länger und mutiger bespielt.

Und ich nehme noch etwas mit: Missverständnisse sind nur dann ein guter Konfliktmotor, wenn die Leser:innen verstehen, warum die Figuren nicht reden können. Fehlt dieses Warum, kippt Spannung in Frust.

Fazit

Yours Truly hat für mich einen starken Anfang, einen angenehmen Schreibstil und mit den Briefen ein echtes Highlight. Am Ende überwiegen aber die angerissenen Themen und ein Konflikt, der sich zu oft auf Kommunikationsverweigerung verlässt. Ich vergebe 2,5 von 5 Sternen. Wenn du leichte Workplace Romance mit Fake-Dating-Elementen magst und Missverständnisse dich nicht stören, kannst du hier trotzdem schöne Lesestunden haben. Wenn du bei ernsten Themen Tiefe suchst, wirst du wahrscheinlich ähnlich oft das Buch sinken lassen wie ich.

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Fünf von fünf Sternen für die gesamte Trilogie.

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To Love a God von Anna Benning: 3-Blickwinkel-Rezension / Rezensionsexemplar