To Love a God von Anna Benning: 3-Blickwinkel-Rezension / Rezensionsexemplar

Gibt es eigentlich so etwas wie ein gutes vorhersehbares Ende? Lange hätte ich darauf mit Nein geantwortet. Wenn ich als Leserin den Twist schon auf Seite 200 kommen sehe, fühle ich mich meistens ein bisschen um etwas betrogen. Und dann habe ich To Love a God gelesen, den zweiten Band der Götterlicht-Saga von Anna Benning, und musste meine Meinung ziemlich gründlich überdenken.

Zur Einordnung: Nach den Ereignissen am Ende von To Tempt a God ist Aurora auf der Flucht. Ihr Leben als Valet im Divine District ist vorbei, aber Silver City lässt sie nicht los, denn unter Galadons Herrschaft wird die Stadt des Lichts zu einem Ort täglicher Hinrichtungen. Als Colden beschließt, zurückzukehren und Galadon zu einem Kampf auf Leben und Tod herauszufordern, folgt Aurora ihm. Zurück an dem Ort, der sie beinahe alles gekostet hätte.

Als Leserin

Ich bin so gerne zurückgekehrt. Das klingt bei einer Stadt voller grausamer Götter vielleicht seltsam, aber Silver City hat diese Sogwirkung, die man sich bei einer Reihe wünscht. Ich musste mich nicht neu einfinden, ich war sofort wieder drin, mit allen Ängsten, die das erste Buch hinterlassen hatte.

Die Spannung war wieder da, und zwar nicht als Dauerfeuer, sondern als dieses unterschwellige Ziehen, bei dem man weiß, dass gleich etwas passieren muss. Aurora und Colden haben mich wieder vollkommen mitgenommen. Ihre Beziehung ist kein Ruhepol in der Geschichte, sondern selbst ein Teil der Bedrohung, und das hat mir unglaublich gut gefallen.

Und dann das Ende. Ich wusste, was kommt. Ich habe es mir eine ganze Weile vorher gedacht und gehofft, dass ich falschliege. Das hat das Lesen nicht entspannter gemacht, im Gegenteil. Ich habe die letzten Kapitel gelesen wie jemand, der einen Unfall in Zeitlupe kommen sieht und nicht wegschauen kann.

Als Lektorin

Mittelbände einer Trilogie haben ein strukturelles Problem. Sie müssen den Auftakt weiterführen und das Finale vorbereiten, und dabei vergessen sie oft, selbst eine Geschichte zu erzählen. To Love a God umgeht das sehr geschickt. Coldens Entscheidung, Galadon herauszufordern, gibt dem Band eine klare dramaturgische Achse. Alles läuft auf diesen Konflikt zu, und dadurch hat das Buch einen eigenen Spannungsbogen statt nur eine Zwischenstation zu sein.

Im Worldbuilding sehe ich eine echte Weiterentwicklung. Im ersten Band war Silver City vor allem eine faszinierende, bedrohliche Kulisse. Jetzt sind die Machtstrukturen enger mit der Handlung verknüpft. Die Angst der Bewohner, die Hinrichtungen, die Frage, wem man trauen kann, all das ist nicht nur Atmosphäre, sondern erzeugt konkrete Konflikte für die Figuren. Das ist Worldbuilding, das arbeitet.

Die Twists funktionieren aus einem einfachen Grund: Sie entstehen aus den Figurenmotivationen. Wenn sich Loyalitäten verschieben oder verborgene Absichten auftauchen, fühlt sich das im Rückblick logisch an, nicht wie ein Effekt, den man eingebaut hat, um zu schockieren.

Bleibt die Frage nach dem vorhersehbaren Ende. Handwerklich würde ich das hier nicht als Schwäche werten, sondern als Entscheidung. Die Fährten sind sauber gelegt, das Foreshadowing ist deutlich, und Coldens Bereitschaft, für sein Ziel alles zu opfern, wird so konsequent aufgebaut, dass das Ende sich wie tragische Folgerichtigkeit anfühlt. Man könnte argumentieren, dass ein paar Hinweise subtiler hätten sein dürfen. Aber die Wirkung, die dadurch entsteht, gibt der Autorin recht.

Als Autorin

Was ich aus diesem Buch mitnehme, betrifft genau diesen Punkt. Als Schreibende habe ich oft den Reflex, Leser:innen überraschen zu wollen, Wendungen zu verstecken, Erwartungen zu brechen. Anna Benning zeigt, dass es auch einen anderen Weg gibt. Wenn die Leserin weiß, was kommt, verschiebt sich die Spannung von der Frage „Was passiert?“ zur Frage „Wie halte ich das aus?“. Und das kann viel stärker sein.

Dazu kommt, dass Benning ihre Romance nie von der Handlung abkoppelt. Die Liebesgeschichte ist kein Nebenstrang, der zwischen den Actionszenen Pause macht, sondern sie ist der Motor für die schmerzhaftesten Entscheidungen im Buch. Das ist etwas, das ich mir für mein eigenes Schreiben sehr bewusst mitnehme: Eine Beziehung wird dann wirklich interessant, wenn sie den Figuren etwas kostet.

Und noch etwas habe ich gelernt, eher leise. Ein zweiter Band darf sich trauen, dunkler zu sein als der erste, wenn die Leser:innen die Figuren schon lieben. Diesen Vertrauensvorschuss nutzt Benning sehr bewusst.

Mein Fazit

To Love a God ist für mich stärker als sein Auftakt. Spannend, dicht im Weltenbau, mit Figuren, die genau da stehen, wo sie stehen müssen, und mit einem Ende, das ich kommen sah und das mich trotzdem erwischt hat. Vielleicht gerade deshalb. 5 von 5 Sternen und die ehrliche Frage, wie ich die Zeit bis Band 3 überstehen soll.

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