Wann hast du das letzte Mal ein Buch beendet und dich danach ein bisschen einsam gefühlt? Nicht weil das Ende traurig war, sondern weil du dich von Menschen verabschieden musstest, mit denen du gern noch Zeit verbracht hättest. Genau so ging es mir mit “Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten” von Becky Chambers, dem ersten Band der Wayfarer-Reihe. Und das Verrückte daran ist, dass die meisten dieser “Menschen” gar keine sind.
Ich habe das Buch als Hörbuch gehört, ohne große Erwartungen, eher aus Neugier, weil ich so oft gelesen hatte, wie tröstlich diese Reihe sein soll. Herausgekommen ist eines meiner Highlights des Jahres, und ein Buch, über das ich aus allen drei Blickwinkeln ziemlich lange nachgedacht habe.
Als Leserin
Rosemary Harper heuert auf der Wayfarer an, einem alten, oft geflickten Tunnelbauschiff, das Wurmlöcher durch den Raum bohrt. Sie will eigentlich nur weg von ihrer Vergangenheit und rechnet mit einem ruhigen Job. Stattdessen landet sie mitten in einer Crew, die aus völlig unterschiedlichen Spezies besteht und trotzdem, oder gerade deshalb, eine Familie geworden ist.
Ich habe mich sofort wohlgefühlt. Da ist Sissix, die Pilotin, deren Spezies Zuneigung über Berührung zeigt und für die die menschliche Distanz manchmal regelrecht kalt wirkt. Da ist Jenks, der in die Schiffs-KI Lovey verliebt ist, und Kizzy, die mit ihrer Energie jeden Raum füllt. Da ist Dr. Chef, der kocht, heilt und eine Trauer mit sich trägt, die mich mehr als einmal berührt hat. Selbst der grummelige Corbin, den ich anfangs kaum ertragen habe, hat mich am Ende überrascht.
Die Sprecherin des Hörbuchs hat einen großen Anteil daran, dass diese Figuren für mich so lebendig wurden. Sie findet für jede Figur einen eigenen Ton, ohne zu übertreiben, und trifft die Mischung aus Humor und Wärme genau. Ich habe mich auf jede Hörsession gefreut wie auf ein Treffen mit Freund:innen.
Als Lektorin
Handwerklich ist dieses Buch spannender, als es auf den ersten Blick wirkt. Becky Chambers baut ihren Roman episodisch auf. Der große Auftrag, den Tunnel zum Planeten der Toremi zu bauen, ist eher der Rahmen als der Motor der Handlung. Unterwegs gibt es Zwischenstopps, Begegnungen und Krisen, und jede Episode rückt eine andere Figur in den Mittelpunkt. Das ist strukturell riskant, weil der klassische Spannungsbogen dadurch flach bleibt. Hier funktioniert es, weil jede Episode eine Figur vertieft und gleichzeitig ein Stück Welt erklärt.
Rosemary als Neue an Bord ist dafür ein klug gewähltes Werkzeug. Sie weiß vieles nicht, also darf erklärt werden, ohne dass es sich wie ein Infodump anfühlt. Die Leser:innen lernen die Welt mit ihr gemeinsam kennen. Gleichzeitig tritt Rosemary im Lauf des Romans ein Stück zurück und wird Teil des Ensembles, was gut zur Geschichte passt, sie aber als Hauptfigur manchmal etwas blasser macht als die anderen.
Besonders stark finde ich, wie die gesellschaftlichen Themen eingewoben sind. Es geht um Geschlecht und Identität, um Körperautonomie, um Krieg, Schuld und Verantwortung, um die Frage, ob eine KI eine Person ist. Nichts davon wird doziert. Die Themen entstehen aus den Kulturen der einzelnen Spezies heraus, und oft stehen zwei nachvollziehbare Positionen nebeneinander, ohne dass der Text eine davon als richtig markiert. Das ist für mich der Unterschied zwischen Botschaft und Erzählung, und Becky Chambers bleibt fast immer auf der Seite der Erzählung.
Wenn ich einen Kritikpunkt nennen soll, dann ist es das Finale. Der titelgebende Auftrag rückt spät ins Zentrum und wird dann recht zügig abgeschlossen. Wer auf die große Eskalation wartet, wird sie so nicht bekommen. Ich halte das für eine bewusste Entscheidung, die zur Haltung des Buches passt, aber man sollte es wissen, bevor man einsteigt.
Als Autorin
Dieses Buch hat mich als Schreibende ehrlich gesagt ein bisschen herausgefordert. Ich arbeite selbst an einem epischen Fantasyroman, und da ist der Druck groß, den äußeren Konflikt ständig am Kochen zu halten. Becky Chambers zeigt, dass Spannung auch anders entstehen kann. Wenn zwei Figuren über eine Frage völlig unterschiedlich denken und beide gute Gründe haben, dann entsteht Reibung, die mich als Leserin genauso festhält wie ein Kampf.
Was ich mitnehme, ist vor allem der Umgang mit Fremdheit. Jede Spezies hat ihre eigene Logik, ihre eigene Körperlichkeit, ihre eigenen Werte, und Chambers bewertet sie nicht von außen. Sie lässt die Figuren einander missverstehen, zurücknehmen, dazulernen. Das ist Worldbuilding über Beziehung statt über Erklärung, und genau das möchte ich in meinem eigenen Schreiben stärker ausprobieren.
Und dann ist da noch der Mut zur Freundlichkeit. Es gibt in diesem Buch keine Figur, die nur böse ist, und trotzdem fühlt es sich nie naiv an. Das ist schwerer, als es aussieht, und ich habe großen Respekt davor.
Für mich ist “Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten” ein Buch, das man nicht wegen seines Plots liest, sondern wegen seiner Figuren, und das einen trotzdem nicht unterfordert. Ich gebe ihm 5 von 5 Sternen und werde die Wayfarer-Reihe ganz sicher weiterlesen. Wenn du Found Family liebst, Science-Fiction mit Herz suchst oder einfach ein Buch brauchst, das dir ein bisschen Hoffnung zurückgibt, dann geh an Bord.