Our Infinity Fates – Buchanalyse im 3-Blickwinkel - Rezensionsexemplar
Ich erinnere mich noch genau, warum ich mir dieses Hörbuch geholt habe. Zwei Seelen, die durch Jahrhunderte wandern und immer wieder zueinander finden. Als jemand, der selbst an einem epischen Fantasy-Roman arbeitet, habe ich eine ausgeprägte Schwäche für Geschichten, die groß denken, die sich an Konzepten versuchen, die handwerklich riskant sind. "Our Infinity Fates" denkt zweifellos groß. Was ich nach dem Hören mitgenommen habe, ist komplizierter.
Als Leserin hatte ich zunächst das Gefühl, dass das Buch hält, was es verspricht. Die ersten Minuten haben mich eingesaugt, das Konzept funktioniert als Versprechen wunderbar, und ich war bereit, mich fallen zu lassen. Dann kamen die Zeitsprünge, schnell, ohne akustische Abgrenzung, ohne emotionalen Puffer, und von da an war ich nicht mehr Mitreisende, sondern Beobachterin. Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied. Im Audioformat ist klare Epochenmarkierung keine Kür, sondern Pflicht, und ihr Fehlen hat das Erleben des gesamten Romans geprägt. Die Hammam-Szene und die Abschnitte in Mali sind atmosphärisch gelungen und haben mir kurz gezeigt, was möglich gewesen wäre. Aber diese Momente waren zu vereinzelt, um das Gesamtgefühl zu kippen.
Als Autorin zolle ich dem Konzept echten Respekt. Mehrere Zeitlinien zu verweben, einen emotionalen Bogen über mehrere Leben hinweg zu halten und dabei noch übergeordnete Themen wie Schicksal, Identität und die Frage, was Liebe überhaupt ist, zu verhandeln, das ist eine handwerkliche Herausforderung, an die sich nur wenige trauen. Die Sprache zeigt, dass hier Talent vorhanden ist. Es gibt Passagen, die poetisch sind und kurz etwas Echtes treffen. Was mich beschäftigt, ist das Ende. Es wirkt, als wäre irgendwann die Entscheidung gefallen, Komplexität durch Tempo zu ersetzen, alle offenen Fäden schnell zu knüpfen, damit die Geschichte aufhört. Das ist ein Fehler, den ich aus meiner eigenen Schreibarbeit kenne und den ich mit der Zeit früh zu erkennen gelernt habe. Wer mutig genug ist, eine solche Geschichte zu beginnen, muss ihr auch den Raum geben, zu enden.
Als Lektorin werde ich konkret, weil ich das Buch unter strukturellen Gesichtspunkten nicht freigesprochen bekomme. Das zentrale Problem ist die fehlende emotionale Kontinuität. Eine Liebesgeschichte über mehrere Leben funktioniert nur dann, wenn die Leserin einen Anker hat, der durch alle Zeitlinien trägt, eine wiederkehrende Geste, ein sprachliches Merkmal, ein Motiv, das emotionale Wiedererkennung aufbaut und dafür sorgt, dass man die Figuren kennt, egal in welcher Epoche man ihnen begegnet. Diesen Anker habe ich hier nicht gefunden.
Dazu kommt ein Antagonist, der zu wenig Kontur hat, um dramaturgisch Gewicht zu haben. In einem Reinkarnationsnarrativ, wo der Konflikt über mehrere Leben getragen werden soll, ist das besonders schmerzhaft, weil jede einzelne Zeitlinie einen Einsatz braucht, den nur ein glaubwürdiger Gegenspieler liefern kann. Fehlt das, wirken die Zeitlinien beliebig.
Die Diversity-Elemente, verschiedene Genderidentitäten, kulturelle Hintergründe, historische Kontexte, wirken in Teilen additiv statt organisch gewachsen. Das ist kein ideologischer Einwand, sondern ein handwerklicher: Wer diese Aspekte wirklich in eine Geschichte integrieren will, muss sie von der ersten Planungsphase an im Stoff verwurzeln. Wenn sie später eingebaut werden, spürt man das, und genau das passiert hier stellenweise.
"Our Infinity Fates" ist ein Buch, das ich respektiere und gleichzeitig nicht uneingeschränkt empfehlen kann. Die Ambition ist real, die sprachliche Qualität ist in Ansätzen vorhanden, und das Konzept hätte das Zeug gehabt, etwas Besonderes zu sein. Aber die strukturellen Schwächen sind zu deutlich, um großzügig darüber hinwegzugehen.
2,5 von 5 Sternen. Diese Wertung bildet ehrlich ab, was das Buch ist: eine Geschichte mit echtem Potenzial und echten Lücken, die noch dazwischen liegen.
Wer bereit ist, sich auf ein erzählerisch herausforderndes Hörerlebnis einzulassen, Geduld für komplexe Zeitstrukturen mitbringt und keine starke emotionale Kontinuität erwartet, findet hier möglicherweise etwas Interessantes. Wer eine Liebesgeschichte sucht, die wirklich trägt, sollte die Erwartungen anpassen.