Ever und After 2 – Stella Tack | Buchrezension
Ich werde ehrlich sein: Ich hatte nicht geplant, Band 2 von Ever und After so bald zu lesen. Nach dem Auftakt war meine Begeisterung überschaubar, und mein SUB ist groß genug, dass ich auch ohne Weiterlesen beschäftigt bleibe. Aber manchmal spricht eine Reihe leise mit einem, und irgendwann hat man das Buch in der Hand, bevor man sich dagegen entschieden hat. Ich bin froh, dass es so gekommen ist.
Stella Tack erzählt in Band 2 die Geschichte von Rain weiter, die sich in einer Welt bewegt, in der Magie nicht nur existiert, sondern eine eigene, gefährliche Logik hat. Was mich im ersten Band noch gestört hatte, nämlich dass diese Magie eher als Kulisse fungierte als als treibende Kraft, hat sich in Band 2 grundlegend verändert. Die magischen Elemente sind jetzt ins Herzstück der Handlung integriert, und das verändert das Leseerlebnis mehr, als man vielleicht erwarten würde.
Als Leserin war ich von den ersten Seiten an in einem anderen Verhältnis zu diesem Buch als zu Band 1. Der Einstieg hat mich nicht nur abgeholt, er hat mich gehalten. Rain ist als Figur vielschichtiger geworden, ihre inneren Konflikte sind ehrlicher und ihre Entscheidungen nachvollziehbarer. Ich habe mit ihr mitgezittert, was mir Band 1 nicht ermöglicht hat. An einer Stelle habe ich tatsächlich mit den Tränen gekämpft, und das passiert mir nicht häufig, vor allem nicht bei Büchern, bei denen ich den Vorgänger mit gemischten Gefühlen beendet habe. Die Plottwists kommen unerwartet, aber sie kommen nicht aus dem Nichts. Im Rückblick merkt man, dass die Hinweise da waren, nur subtil genug gesetzt, dass man sie nicht als solche erkannt hat. Ich habe das Buch mit dem Wunsch zugeklappt, sofort Band 3 in der Hand zu haben.
Als Autorin habe ich beim Lesen viel beobachtet, und das meiste davon hat mich positiv überrascht. Stella Tack ist zwischen den Bänden handwerklich gewachsen, und das ist unübersehbar. Die Szenen tragen mehr Gewicht, weil sie nicht nur beschrieben, sondern erlebt werden. Der Schreibfluss ist organischer, die Übergänge glatter, und die emotionalen Beats kommen mit einer Sicherheit, die ich im Auftakt noch vermisst habe. Besonders aufgefallen ist mir der Umgang mit den ruhigeren Passagen. Es ist verlockend, in einem Fantasyroman jede Atempause mit neuer Handlung zu füllen, aber Stella Tack nutzt diese Momente konsequent für Beziehungsarbeit zwischen den Figuren. Das kostet Selbstdisziplin, und das Ergebnis ist, dass die Chemie zwischen den Charakteren sich organisch anfühlt statt konstruiert. Die Briefszene hat mich besonders berührt, sie hat Assoziationen geweckt, über die ich hier nicht mehr sagen will, aber sie hat gezeigt, dass Stella Tack weiß, wie man einen emotional aufgeladenen Moment sparsam und damit wirkungsvoll einsetzt.
Als Lektorin schaue ich bei Fantasybüchern besonders auf zwei Dinge: Wie gut ist das Worldbuilding in die Handlung integriert, und wie glaubwürdig ist die Motivation des Antagonisten? Beides hat mich in Band 2 überzeugt. Das Worldbuilding ist kein Anhang mehr, sondern ein strukturelles Element der Geschichte. Und der Antagonist hat echte Gründe für das, was er tut. Er ist nicht böse, weil die Geschichte einen Bösewicht braucht. Er ist eine Person mit einer Logik, auch wenn diese Logik nicht meiner entspricht, und das macht ihn auf eine unbequeme Art interessant. Strukturell zeigt Band 2 deutliche Reife. Das Finale schließt den Band befriedigend ab und öffnet gleichzeitig Raum für Band 3, ohne sich wie ein aufgesetzter Cliffhanger anzufühlen. Das ist die schwierigste Balance beim Schreiben einer Reihe, und Stella Tack trifft sie hier.
Ich vergebe fünf Sterne, und ich meine das nicht als Automatismus, sondern als Anerkennung dafür, dass dieses Buch handwerklich und emotional deutlich mehr leistet, als ich nach Band 1 erwartet hatte. Ever und After Band 2 ist für alle empfehlenswert, die magische Liebesgeschichten mögen, in denen die Magie nicht Dekoration ist, und für alle, die bereit sind, einer Reihe eine zweite Chance zu geben. Manchmal lohnt sich das. Hier hat es sich definitiv gelohnt.