Ever & After von Stella Tack, Buchrezension 3 Blickwinkel

Als Leserin, Autorin und Lektorin: Ever & After von Stella Tack

Es gibt Bücher, bei denen ich nach dem letzten Satz weiß, was ich sagen will. Und es gibt Bücher, bei denen drei verschiedene Stimmen in mir gleichzeitig reden und sich nicht ganz einig werden. Ever & After, der erste Band aus Stella Tacks neuer Märchen-Fantasy-Reihe, gehört klar in die zweite Kategorie. Die Leserin in mir war unterhalten. Die Lektorin war beschäftigt. Die Autorin hat mitgedacht, manchmal zu viel.

Als Leserin

Die Grundprämisse hat mich sofort angesprochen. Märchenfamilien im modernen London, Rain White als Nachfahrin von Schneewittchen, ein schlafender Prinz unter dem Tower of London und ein uralter Fluch, den ein unbedachter Kuss auslöst. Das ist ein frischer Ansatz, der klassische Märchenelemente nimmt und ihnen einen neuen Kontext gibt, ohne sie zu entzaubern. Die Atmosphäre in den ersten Kapiteln stimmt, der Tower of London als Schauplatz ist eine gute Wahl, und die Idee, dass das Märchenerbe für die Nachfahren eher Bürde als Gabe ist, hat mir gefallen.

Was meinen Lesefluss immer wieder unterbrochen hat, war die Liebesgeschichte. Nicht weil Liebesgeschichten in Märchen falsch am Platz wären, sondern weil diese eine genau das Schema bedient, das ich inzwischen so oft gelesen habe, dass es mich aus der Geschichte herausholt. Erst der strahlende, blonde Prinztyp, dann der dunkelhaarige, geheimnisvolle Gegenspieler. Ich saß da und wusste, wohin die Reise geht, noch bevor die Geschichte selbst es mir zeigen wollte. Das ist kein fatales Problem, aber es kostet Sogwirkung.

Das Tempo hat gestimmt. Die Prüfungsstruktur gibt dem Mittelteil Halt, die Enthüllungen kommen in gutem Rhythmus, und ich wollte wissen, wie es weitergeht. Das ist nicht selbstverständlich und gehört zur Stärke des Buches.

Als Lektorin

Hier bin ich am kritischsten, und das sage ich nicht gerne über ein Buch, dessen Konzept ich grundsätzlich stark finde. Das Hauptproblem in der ersten Hälfte ist Rains Passivität als Protagonistin. Sie reagiert auf das, was um sie herum passiert, statt eigene Entscheidungen zu treffen, die aus ihr selbst entstehen. Für eine Hauptfigur, die eine Heldinnenreise antreten soll, ist das ein strukturelles Problem, weil die Leserin sich schwer mit jemandem identifiziert, der sich treiben lässt.

Das betrifft auch die romantische Entwicklung. Rains Gefühle wechseln nicht deshalb, weil wir ihre innere Entwicklung miterleben, sondern weil die Handlung es von ihr verlangt. Das ist ein Unterschied, den man spürt, auch wenn man ihn nicht immer benennen kann. Wäre die Figurenarbeit so sorgfältig wie das Worldbuilding, würde Ever & After eine ganz andere Wirkung entfalten.

Das Worldbuilding selbst ist eine der klaren Stärken. Stella Tack hat ein stimmiges System entwickelt, in dem Märchenelemente logisch in die Gegenwart eingebettet sind, ohne ihre Eigenart zu verlieren. Das magische System ist konsistent, die Prüfungsstruktur dramaturgisch sinnvoll eingesetzt, und der Tower of London als Herzstück der Märchenwelt ist ein echter Gewinn. Hier merkt man, dass die Autorin sich intensiv mit der Weltentwicklung beschäftigt hat.

Als Autorin

Was ich als Schreibende aus Ever & After mitnehme, ist vor allem eine Frage, die ich mir selbst beim Arbeiten stelle: Wie viel trägt ein starkes Setting eine schwächere Figurenentwicklung? Bei diesem Buch recht weit, aber nicht bis zum Ende. Es gibt einen Punkt, an dem Atmosphäre allein nicht mehr ausreicht, und dieser Punkt zeigt sich deutlich, wenn die romantische Spannung im Mittelteil nachlässt, weil sie nicht aus den Figuren selbst kommt, sondern aus der Struktur drumherum.

Ich habe beim Lesen immer wieder mitgedacht, wie ich die Figuren anlegen würde, was Rains aktive Entscheidung in einer bestimmten Szene gewesen wäre statt ihrer Reaktion, wie der romantische Konflikt entstanden wäre, wenn er aus echten inneren Widersprüchen gewachsen wäre statt aus dem Dreiecksschema. Das ist keine Kritik, die ich leichtfertig äußere, weil ich weiß, wie schwer genau das ist. Aber es ist der Unterschied zwischen einem guten Buch und einem, das wirklich hängen bleibt.

Ever & After ist ein Buch mit einem starken Fundament und handwerklichem Potenzial, das nicht vollständig eingelöst wird. Drei Sterne, vergeben mit Respekt und Ehrlichkeit.

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