The Cat-Sitting Disaster von Nellie Weisz, Rezension - Rezensionsexemplar

Manchmal merkt man erst beim Zuklappen eines Buches, wer eigentlich die Hauptfigur hätte sein sollen. Bei The Cat-Sitting Disaster von Nellie Weisz war das für mich nicht June, nicht Nick, sondern Kater Romeo, der laut Klappentext die beiden ungleichen Menschen zusammenführt und trotzdem über weite Strecken kaum präsent ist. Das ist der Punkt, an dem sich für mich die drei Perspektiven, aus denen ich Bücher lese, besonders deutlich auseinanderentwickelt haben.

Als Leserin

Rein von der Stimmung her hat mich The Cat-Sitting Disaster gut abgeholt. Das herbstliche New York ist angenehm greifbar beschrieben, und ich mag es, wenn ein Setting nicht nur Kulisse bleibt, sondern spürbar zur Atmosphäre beiträgt. Besonders gut gefallen hat mir der Nebenstrang um Junes Job als Journalistin, dieser Teil der Geschichte hat mich tatsächlich mehr interessiert als die Romance selbst. Auch Nick war für mich ein angenehmer Love Interest, zurückhaltend, emotional nachvollziehbar, ohne die toxischen Muster, die man in dem Genre leider oft findet, für mich eine klare green flag. Trotzdem hat mich das Buch als Ganzes nicht vollständig überzeugt. Die Spice-Szenen haben mir persönlich zu viel Raum eingenommen, gerade im Verhältnis zu den Themen, die das Buch eigentlich anreißt, Vertrauen, alte Verletzungen, Junes unsichere Wohnsituation, all das hätte mehr Tiefe verdient gehabt.

Als Lektorin

Handwerklich ist das Ungleichgewicht in der Erzählökonomie der auffälligste Punkt für mich. Romeo ist konzeptionell als das verbindende, fast dramaturgische Element zwischen June und Nick angelegt, bekommt aber im tatsächlichen Text deutlich weniger Raum, als seine Funktion verlangen würde. Das führt dazu, dass die emotionale Entwicklung zwischen den beiden Hauptfiguren stellenweise weniger organisch wirkt, als sie könnte, weil das verbindende Element selbst zu wenig ausgearbeitet ist. Auffällig ist außerdem, dass der Nebenplot um Junes Beruf strukturell sauberer aufgebaut ist als die zentrale Romance-Handlung, was in einer Cosy Romance eher untypisch ist, wo der Nebenplot meist der Hauptbeziehung dient und nicht umgekehrt Aufmerksamkeit von ihr abzieht. Insgesamt erinnert mich die Trope-Kombination, Strangers to Lovers, Slow Burn, Secret Identity, He Falls First, stark an Muster, die ich zuletzt vermehrt in Sport-Romance-Titeln gesehen habe. Die einzelnen Bausteine funktionieren für sich, wirken in der Kombination aber wenig differenziert von vergleichbaren aktuellen Veröffentlichungen im Genre.

Als Autorin

Für meine eigene Arbeit nehme ich aus diesem Buch vor allem eine Erkenntnis mit, nämlich wie entscheidend es ist, nicht-menschlichen oder tierischen Figuren tatsächlich erzählerisches Gewicht zu geben, wenn sie als Kernidee des Buches beworben werden. Wenn ein Kater im Klappentext die Verbindung zwischen zwei Menschen stiftet, muss er das auch strukturell im Text leisten dürfen, sonst bleibt das Versprechen der Prämisse unerfüllt. Spannend fand ich außerdem, wie deutlich ein gut ausgearbeiteter Nebenplot die Hauptgeschichte überstrahlen kann, wenn dort weniger erzählerische Sorgfalt investiert wurde. Das ist für mich eine gute Erinnerung daran, bei meinem eigenen Roman genau zu prüfen, wo ich meine Energie tatsächlich hineinlege und ob das mit dem übereinstimmt, was ich meiner Leserschaft als Kern der Geschichte verspreche.

Insgesamt vergebe ich für The Cat-Sitting Disaster 2,5 von 5 Sternen. Es ist ein Buch, das atmosphärisch und in seinen ruhigeren Momenten wirklich funktioniert, dem aber an entscheidenden Stellen die Tiefe fehlt, die seine eigene Prämisse verspricht.

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