Dungeon Crawler Carl Rezension – 3 Blickwinkel
Es gibt Bücher, bei denen ich mir vorher fast sicher bin, wie ich sie finden werde, und dann werde ich eines Besseren belehrt. Genau das ist mir mit Dungeon Crawler Carl von Matt Dinniman passiert. LitRPG stand bei mir lange nicht besonders weit oben auf der Liste, zu sehr fürchtete ich mich vor Textwänden voller Levelaufstiege und Zahlenlogik. Am Ende habe ich das Buch verschlungen, vor allem wegen einer Katze mit erstaunlich viel Bühnenpräsenz.
Als Leserin
Die Prämisse ist bewusst absurd. Carl wird mitten in der Nacht aus seinem eigentlichen Leben gerissen, um die Katze seiner Ex zu retten, und landet stattdessen in einem intergalaktischen Dungeon, in dem Unterhaltung Pflicht ist und Überleben zur Nebensache wird. Was nach reinem Klamauk klingt, hat mich von der ersten Seite an gepackt, weil der Humor nie auf Kosten der Geschichte geht. Princess Donut, die plötzlich sprechende Perserkatze, ist dabei das eigentliche Herzstück. Sie ist eitel, dramatisch und komplett von sich selbst überzeugt, und trotzdem, oder gerade deshalb, wird sie zu einer Figur, an der mein Herz hängt. Meine Leseerfahrung war geprägt von diesem ständigen Wechsel zwischen Lachen und echter Anspannung, wenn es im Dungeon wieder gefährlich wurde.
Als Lektorin
Handwerklich ist das ein Buch, das mehr leistet, als der erste Eindruck vermuten lässt. Das Spielsystem, auf dem die gesamte Handlung aufbaut, ist konsequent durchdacht, und die Sponsoren-Mechanik, bei der Zuschauer Carl und Donut mit Ausrüstung und Fähigkeiten unterstützen, ist geschickt mit der eigentlichen Dramaturgie verzahnt. Dadurch entsteht ein Spannungsaufbau, der sich nie beliebig anfühlt, sondern sich aus den Regeln der Welt selbst ergibt. Auch die Medienkritik im Hintergrund, die deutlich an Formate wie die Tribute von Panem erinnert, verleiht der Geschichte mehr Gewicht, als der comichafte Ton zunächst suggeriert.
Wo das Buch für mich schwächelt, sind die Infodumps. Gerade bei neuen Levelsystemen oder Item-Mechaniken nimmt sich der Text ausführlich Zeit, wirklich jedes Detail zu erklären, und genau an diesen Stellen geht Tempo verloren. Es gibt Passagen im Mittelteil, die dadurch spürbar an Sogwirkung einbüßen. Das ist schade, weil an anderen Stellen deutlich wird, wie elegant Dinniman Informationen eigentlich in Handlung übersetzen kann, wenn er es darauf anlegt.
Als Autorin
Für mich als Autorin ist Dungeon Crawler Carl vor allem eine Lektion in Konsequenz. Dinniman erklärt sein System nicht nebenbei, er baut eine vollständige Medienwelt darum herum, mit eigener Wirtschaft, eigenen Machtstrukturen und eigenen Regeln, und bleibt dieser Logik über die gesamte Geschichte treu. Das beeindruckt mich, gerade weil ich selbst an einem eigenen Fantasyprojekt mit komplexem Weltenbau arbeite und genau weiß, wie verlockend es ist, dem Leser jedes Detail im Detail zu erklären, statt es einfach zu zeigen.
Gleichzeitig ist das Buch für mich eine gute Erinnerung daran, wo die Grenze zwischen Weltentiefe und Erzählökonomie verläuft. Nicht jede Regel muss ausbuchstabiert werden, manchmal reicht es, sie in der Handlung sichtbar zu machen und dem Publikum zuzutrauen, den Rest zu verstehen. Diese Balance zu finden, ist schwieriger, als es hier manchmal aussieht.
Am Ende bleibt bei mir ein Buch, das ich mit vollem Herzen empfehle, mit einem kleinen Vorbehalt bei den Längen im Mittelteil. Vier von fünf Sternen, vor allem wegen einer Katze, die mir am Ende mehr Persönlichkeit mitgegeben hat als so manche menschliche Hauptfigur aus anderen Reihen.