Stolen Midnights – Katherine Quinn – Buchrezension - Rezensionsexemplar

Es gibt Bücher, bei denen ich hinterher nicht sicher bin, ob ich enttäuscht bin oder einfach nur zu viel wollte. Stolen Midnights von Katherine Quinn hat mich in genau diese Situation gebracht. Vier Sterne, vergeben gerne und ohne Zögern, aber auch mit dem Gefühl, dass da mehr drin gewesen wäre. Und weil ich dieses Buch als Leserin, als Autorin und als Lektorin gelesen habe, fangen wir genau da an.

Als Leserin

Es hat mich sofort erwischt. Ein abgebrühter Dieb wird angeheuert, um ein magisches Medaillon zu stehlen, das von den drei Schicksalsgöttinnen für jemand anderen bestimmt wurde. Er öffnet es, und darin befindet sich ein Foto von ihm selbst. Bevor er sich seinen nächsten Schritt überlegen kann, wird ihm das Medaillon gestohlen, und er muss sich ausgerechnet mit der eigentlichen Empfängerin zusammentun. Das ist ein Aufhänger, bei dem ich nicht aufhören kann zu lesen, weil ich wissen will, wie das aufgelöst wird.

Der Schreibstil von Katherine Quinn ist leicht, fließend und nie überladen. Die Seiten gehen weg. Die Chemie zwischen Damien und Wren hat mich wirklich überzeugt, die beiden fühlen sich nicht wie Pappfiguren an, sondern wie Menschen mit echten Gründen für ihre Abwehrhaltung. Ein paar Wendungen habe ich früh kommen sehen, das stimmt, und das hat den Spannungsbogen in der zweiten Hälfte etwas abgeflacht. Aber das hat mich nicht aus dem Buch geworfen. Für einen langen Nachmittag auf dem Sofa war das hier genau das Richtige.

Als Lektorin

Das ist der Teil, bei dem ich am direktesten bin, das wissen Menschen, die diesen Blog öfter lesen. Stolen Midnights hat eine handwerkliche Stärke, die ich ausdrücklich benennen möchte: Die Rivals-to-Lovers-Entwicklung ist wirklich sauber aufgebaut. Es gibt klare Eskalationsstufen, die Figuren haben nachvollziehbare Motivationen für ihre Fassade, und der Moment, in dem diese Fassade anfängt zu bröckeln, ist gut getimed. Das ist kein selbstverständliches Handwerk.

Die strukturelle Schwäche liegt woanders. Das Magiesystem rund um die drei Schicksalsgöttinnen ist konzeptuell eines der originelleren Dinge, die ich seit Langem in diesem Genre gelesen habe. Es hat mythologisches Gewicht, es hat interne Logik, es hat Potenzial. Und es bleibt weitgehend Kulisse. Die Welt von Andalay ist kein Motor der Geschichte, sie ist Hintergrund. Das bedeutet, dass der Konflikt fast ausschließlich über die Romanzenentwicklung getragen wird, was für das Genre legitim ist, aber das Buch unter seinem eigenen Potenzial hält. Vorhersehbare Wendungen sind kein Todesurteil, wenn die Welt selbst noch überrascht. Das passiert hier nicht oft genug.

Die Nebencharaktere bleiben blass, und in der Buchmitte gibt es einen spürbaren Spannungsabfall, der durch stärkere externe Konflikte hätte aufgefangen werden können. Kleine Punkte, aber sie fallen auf.

Als Autorin

Ich habe dieses Buch auch mit den Augen einer Schreibenden gelesen, die selbst an einem Fantasy-Roman arbeitet, und ich habe dabei etwas mitgenommen. Die Art, wie Quinn die Anziehung zwischen ihren Figuren entwickelt, ohne sie zu früh aufzulösen oder künstlich in die Länge zu ziehen, ist wirklich beobachtenswert. Da ist ein Rhythmusgefühl drin, das man nicht einfach so erklärt bekommt, das kann man nachlesen und trotzdem nicht einfach kopieren.

Was mich als Autorin mehr beschäftigt hat: Ich würde gerne wissen, ob die Entscheidung, das Magiesystem im Hintergrund zu halten, bewusst getroffen wurde oder ob die Romance das Worldbuilding im Laufe des Schreibprozesses verdrängt hat. Das ist keine rhetorische Frage, das ist etwas, das ich mir selbst stelle, weil ich weiß, wie leicht das passiert. Figuren, die funktionieren, ziehen alles auf sich. Die Welt gerät ins Hintertreffen. Das Ergebnis ist ein Buch, das gut ist, aber nicht so groß ist, wie es sein könnte.

Fazit

Stolen Midnights ist ein ehrliches Vier-Sterne-Buch, kein aufgerundetes Drei-Sterne-Buch und kein abgerundetes Fünf-Sterne-Buch. Es macht das, was es verspricht, und zwar gut. Wer einen leichten, flüssig lesbaren Romantasy-Roman sucht, in dem die Liebesgeschichte klar im Mittelpunkt steht und die Figurenchemie stimmt, wird hier glücklich. Wer wie ich ein bisschen hofft, auch in eine wirklich ausgebaute Welt einzutauchen, sollte diese Erwartung vor dem ersten Kapitel ein bisschen herunterschrauben. Das Magiesystem ist eine Einladung, die das Buch selbst nicht ganz annimmt. Vielleicht tut es das im nächsten Band.

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