Seltsame Sally Diamond, Liz Nugent, Rezension

Es gibt Bücher, die einen sofort packen, und es gibt Bücher, die zwei Wochen brauchen, bevor man überhaupt weiß, was man eigentlich fühlt. Seltsame Sally Diamond von Liz Nugent gehört für mich ganz klar in die zweite Kategorie, und genau deshalb wollte ich erst jetzt darüber schreiben, mit etwas Abstand und mit einem klareren Blick auf das, was dieses Buch eigentlich mit mir gemacht hat.

Als Leserin

Ich bin mit hohen Erwartungen an dieses Buch herangegangen. Der Hype war riesig, monatelang ausverkauft, neu aufgelegt, überall in der Buchcommunity präsent, und entsprechend groß war auch meine eigene Vorfreude. Umso überraschter war ich, dass ich es direkt nach der letzten Seite fast ratlos zur Seite gelegt habe. Ich hatte einen klassisch spannungsgetriebenen Psychothriller erwartet, mit Nervenkitzel und Wendungen im Minutentakt, bekommen habe ich stattdessen etwas viel Leiseres. Die Geschichte von Sally, die als Kind einer Entführten geboren wurde und nach ihrer Rettung isoliert von der Welt aufwuchs, ist durchgehend erschütternd, aber selten spannend im klassischen Sinn. Es hat gedauert, bis ich verstanden habe, dass genau das der Punkt ist. Wochen später merke ich, dass Sallys wortwörtliches Denken, ihre Distanz zur eigenen Geschichte, ihr Umgang mit einer Welt, die sie nie wirklich verstehen gelernt hat, mich nicht loslassen. Das Ende, in dem sie sich nach Peters Auftauchen wieder in die Isolation zurückzieht, hat mich zunächst überrascht, beim Nachdenken kann ich es aber gut nachvollziehen. Wenn man vierzig Jahre lang nichts anderes kennt als diese eine Art von Rückzug, ist sie eben auch ein sicherer Hafen.

Als Lektorin

Handwerklich ist dieses Buch deutlich durchdachter, als es beim ersten Lesen wirkt. Die Ich-Perspektive wechselt zwischen Sally und später ihrem Bruder Peter, und dieser Wechsel ist erzählerisch klug gesetzt, denn wir erleben nicht nur, was passiert, sondern wie die Figuren das Erlebte innerlich verarbeiten. Statt reiner Beschreibung bekommen wir die Reaktion dahinter mit, und genau das erzeugt eine Form von Nähe, die deutlich unbequemer ist als klassische Spannung. Die Vorgeschichte, die Entführung von Sallys Mutter, die Geburt der beiden Kinder in Gefangenschaft, die Trennung von Sally und Peter, wird bewusst häppchenweise enthüllt, wie ein Puzzle, dessen Bild sich erst gegen Ende schließt. Das ist strukturell sehr sauber gearbeitet und hält die Erzählökonomie über die gesamte Länge des Buches aufrecht. Kritischer sehe ich zwei Dinge. Erstens wird Sallys anfängliche Autismus-Diagnose lange als Erklärungsmuster für ihr Verhalten eingesetzt und später als Fehldiagnose entlarvt, die eigentlich auf unverarbeitetem Trauma beruht. Diese Auflösung wirkt auf mich zu glatt, gerade weil das Verhalten vorher recht klischeehaft auf Neurodivergenz reduziert wurde. Zweitens finde ich die Konstruktion, dass praktisch jede erwachsene Figur um Sally herum jahrelang von der Wahrheit wusste und schwieg, an mehreren Stellen wenig plausibel, auch wenn ich verstehe, welche dramaturgische Funktion dieses kollektive Schweigen erfüllt.

Als Autorin

Am meisten fasziniert hat mich, wie Liz Nugent ihre Hauptfigur offenbar entwickelt hat. Bei meiner Recherche bin ich darauf gestoßen, dass Sally von Boo Radley aus Wer die Nachtigall stört inspiriert sein soll, jene stille, gefürchtete Figur am Rand der Geschichte, über die alle reden, ohne sie wirklich zu kennen. Die Frage, was wäre, wenn wir seine Gedanken kennen würden, scheint der Ausgangspunkt für Sallys Perspektive gewesen zu sein, und das finde ich als Ausgangspunkt für eine Figurenstudie bemerkenswert einfach und gleichzeitig sehr wirkungsvoll. Es zeigt, wie viel Figurentiefe aus einer einzigen literarischen Referenz entstehen kann, wenn man konsequent damit arbeitet. Was mich als Autorin außerdem beschäftigt, ist die Frage nach dem Timing der Enthüllungen. Wann setzt man welches Detail ein, wann gibt man welchen Hinweis, wann löst man welches Geheimnis auf, das sind Fragen, die ich mir bei meinem eigenen Romanprojekt ständig stelle, und Nugent hat dieses Timing über weite Strecken sehr überzeugend gelöst, auch wenn ich mir gewünscht hätte zu wissen, ob das Buch strikt geplottet oder eher intuitiv geschrieben wurde.

Am Ende bleibt für mich ein Buch, das ich während des Lesens nicht geliebt habe, das mich aber Wochen später immer noch beschäftigt, und das ist für mich fast das größere Kompliment. Vier von fünf Sternen, mit der klaren Empfehlung, sich vorher bewusst zu machen, dass die Themen dieses Buches, Kindesmissbrauch, Gefangenschaft und generationsübergreifendes Trauma, nicht leicht verdaulich sind.

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Ruby Cooper von Liz Nugent, Rezension und 3 Blickwinkel-Rezensionsexemplar

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Drachenträgerin – Erbin der Flammen: 3-Blickwinkel-Rezensionsexemplar