Scars of Phoenix – Yvonne Westphal | Rezension - Rezensionsexemplar

Als Leserin

Es gibt Bücher, bei denen man schon vor der ersten Seite weiß, dass man eigentlich nicht die Zielgruppe ist. Scars of Phoenix von Yvonne Westphal ist so ein Buch für mich. Dark Romance lese ich selten und wenn, dann bewusst dosiert. Mafia-Setting, Vegas, moralisch fragwürdige Männer mit Machtfantasien, das ist eine Genrekombination, bei der ich eher skeptisch als neugierig bin.

Und dann war da trotzdem etwas.

Scarlet Tully ist eine Figur, die ich mochte, ohne sie mögen zu müssen. Sie betrügt, sie manipuliert, sie trifft Entscheidungen, die keine saubere Heldinnen-Logik haben. Und Phoenix ist kein Mann, der einfach nur bedrohlich schön ist, er hat Geschichte, Verletzungen, eine Motivation, die ich als Leserin nachvollziehen konnte. Das Enemies-to-Lovers-Muster ist bekannt, aber Westphal füllt es mit Figuren, die es tragen.

Was ich trotzdem vermisst habe: einen echten Sog. Ich habe das Buch gerne gelesen, aber auch problemlos weggelebt. Es gab keine Abende, an denen ich noch ein Kapitel gelesen habe, obwohl ich eigentlich schlafen wollte. Das ist kein Urteil, aber es erklärt meine vier Sterne aus Lesersicht.

Als Lektorin

Was mich bei Scars of Phoenix handwerklich beschäftigt hat, ist das Verhältnis zwischen Atmosphäre und Dramaturgie. Westphal kann Setting. Das Vegas-Ambiente ist konsistent, die Casino-Welt fühlt sich nicht aufgesetzt an, sie ist in die Figuren und den Plot eingeflochten. Technisch ist das eine Stärke.

Das Problem liegt in den Szenen, die Atmosphäre liefern, aber keine Funktion übernehmen. Es gibt Passagen in der zweiten Hälfte, in denen der Roman Luft zum Druckaufbau hätte und diesen Druck nicht nutzt. Momente, die verdichtet werden könnten, werden zu schnell aufgelöst oder verlaufen ohne dramaturgische Konsequenz. Das macht das Buch nicht schwach, aber es erklärt, warum der Spannungsbogen phasenweise flacher ist, als er sein müsste.

Charaktermotivation und -entwicklung sind hingegen überdurchschnittlich stark für das Genre. Scarlet und Phoenix entwickeln sich, ihre Dynamik verändert sich nachvollziehbar, und das Finale fühlt sich verdient an. Wer im Lektorat mit Genre-Romance arbeitet, weiß, wie selten das ist.

Als Autorin

Was ich aus Scars of Phoenix mitnehme, ist eine Beobachtung über Figurenarbeit in plotgetriebenen Romanen. Westphal zeigt, dass moralische Grautöne und Genreplot kein Widerspruch sind. Scarlet ist keine klassische Protagonistin, sie ist auch keine Anti-Heldin nach Schema. Sie ist einfach eine Figur mit komplexen Interessen und einem Überlebenswillen, der ihr Handeln erklärt, ohne es zu entschuldigen. Das ist schwieriger zu schreiben, als es klingt.

Für mein eigenes Projekt nehme ich die Frage mit, wie viel Atmosphäre eine Szene braucht, bevor sie Funktion verliert. Es gibt Stellen in Scars of Phoenix, an denen das Setting wichtiger ist als die Szene selbst. Das ist eine Falle, in die ich beim Worldbuilding selbst gerne tappe, und es war lehrreich, sie von außen zu beobachten.

Vier Sterne für ein Buch, das mich mehr beschäftigt hat, als ich erwartet hätte. Und das ist, für mich, kein kleines Kompliment.

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