Buttercream Witch – Lea Melcher | 3-Blickwinkel-Rezension
Warum ich manchmal froh bin, wenn mich ein Buch überrumpelt
Ich gebe es zu: Als ich Buttercream Witch aufschlug, war meine innere Erwartungshaltung ungefähr bei "das wird schön sein." Eine magische Tortenbäckerin, ein verschlafenes Hexendorf, ein rothaariger Lieferant und ein Fledermaus-Sidekick. Das klingt nach einem Buch, bei dem man abschalten darf, nach entspanntem Eskapismus für einen Nachmittag auf dem Sofa. Ich sage das ohne jeden Abwertungsimpuls, weil ich Cozy Fantasy liebe und solche Bücher brauche. Ich hatte nur nicht damit gerechnet, dass Lea Melcher mich handwerklich so vollständig auf dem falschen Fuß erwischen würde.
Als Leserin
Snickerford hat mich sofort. Ich bin mir nicht sicher, wie Lea Melcher das genau gemacht hat, aber dieses Dorf wirkt von der ersten Szene an bewohnt, nicht wie eine Kulisse, die jemand hingestellt hat, damit die Geschichte einen Schauplatz hat. Die kleinen Details, die artsy Momente, die Figuren am Rand der Handlung mit ihren eigenen kleinen Eigenheiten, das alles hat mir das Lesen zu einem echten Vergnügen gemacht. Man möchte einfach da sein.
Und dann ist da noch der Liebesplot, der mich wirklich kalt erwischt hat. Die Regel, dass Normalsterbliche ihr Gedächtnis unwiederbringlich verlieren, sobald sie von der Hexenwelt erfahren, hängt über jeder Szene zwischen Millie und Remington wie ein stilles, schweres Versprechen. Man weiß, wohin das führen könnte, und hofft trotzdem. Das ist gutes Schreiben.
Als Lektorin
Ich bemerke Erzählökonomie, wenn sie stimmt, und ich vermisse sie noch mehr, wenn sie fehlt. In Buttercream Witch stimmt sie. Der Plotaufbau folgt einer klaren Dramaturgie, der Mystery-Strang wird sauber entwickelt und nicht zu früh aufgelöst, die Charaktermotivationen sind in sich stimmig. Was mich besonders gefreut hat: Das Worldbuilding wird in die Handlung eingewoben, nicht davor gestellt. Es gibt keine Erklärpassagen, die nur dazu da sind, dem Lesenden Informationen zu liefern. Man versteht die Welt, weil man sie erlebt.
Auch die Nebenfiguren, besonders die Hexen in Snickerford, haben eigene Konturen. Das ist keine Selbstverständlichkeit, und es macht einen großen Unterschied für die Glaubwürdigkeit einer Welt. Ein Dorf, das nur aus dem Protagonisten und ein paar Staffagefiguren besteht, fühlt sich immer ein bisschen leer an. Hier tut es das nicht.
Als Autorin
Als Autorin habe ich mich mehrfach dabei ertappt, genauer hinzuschauen, wie bestimmte Dinge gemacht sind. Der Ton ist leicht, fast spielerisch, trägt dabei aber eine Substanz, die man erst beim zweiten Hinsehen wirklich würdigt. Leichte Töne kippen schnell ins Beliebige, in Formulierungen, die nichts kosten und deshalb auch nichts bewirken. Hier passiert das nicht.
Die strukturelle Entscheidung hinter dem Liebesplot finde ich besonders bemerkenswert. Es braucht kein künstliches Missverständnis, kein erzwungenes Drama, keine unglaubwürdige Kommunikationsverweigerung zwischen zwei Figuren, die sich eigentlich einfach austauschen könnten. Die Hürde ist im Worldbuilding selbst verankert, sie ist logisch, konsequent und emotional schwer. Das habe ich mir als Autorin notiert.
Fazit
Buttercream Witch ist ein Buch, das ich jedem empfehle, der Cozy Fantasy mit echtem handwerklichem Fundament sucht. Es ist kein Roman, der mit Komplexität oder dunklen Tönen arbeitet, und das will er auch gar nicht. Aber er macht das, was er machen will, mit so viel Sorgfalt und Können, dass man am Ende das Gefühl hat, etwas Echtes gelesen zu haben. Snickerford werde ich nicht so schnell vergessen.
5 von 5 Sternen. Absolutes Highlight.