Brombeerliebe auf Schottisch – Karin Lindberg | Buchrezension - Rezensionsexemplar

Als Leserin, Autorin und Lektorin – Brombeerliebe auf Schottisch von Karin Lindberg (3,5 Sterne)

Manchmal greife ich zu einem Buch mit dem leisen Vorbehalt, dass es mich wahrscheinlich nicht überraschen wird. Das klingt arrogant, ist aber schlicht Berufskrankheit. Als Lektorin und Autorin lese ich Genre-Strukturen manchmal schneller, als sie sich entfalten wollen. Bei Brombeerliebe auf Schottisch von Karin Lindberg war dieser Vorbehalt halbberechtigt, aber eben nur halb.

Ich habe das Buch gelesen, weil der Klappentext etwas versprach, das ich im Liebesroman-Bereich zu selten finde: eine erwachsene Frau mit echtem Leben als Protagonistin. Keine Studentin, keine jung-naive Träumerin, sondern eine Hebamme, Mutter zweier Kinder, frisch geschieden, mit dem konkreten Berufsziel, irgendwann eine eigene Praxis zu führen. Das hat mein Interesse geweckt. Was ich dann bekommen habe, war mehr und weniger als erwartet, und beides ist es wert, genauer betrachtet zu werden.

Als Leserin

Die Stärke dieses Buches liegt in seiner Wärme. Kiltarff am Loch Ness ist liebevoll und glaubwürdig skizziert, die Kleinstadt-Dynamik fühlt sich nicht kulissenhaft an, sondern belebt. Caitlins Alltag als alleinerziehende Mutter ist präsent, ohne melodramatisch zu werden, und genau das gibt der Liebesgeschichte ihre Besonderheit: Sie entwickelt sich in einem Leben, das schon vollständig ist. Rhys ist charmant, ohne zu nerven, und die Szenen zwischen den beiden haben Timing und echten Humor. Ich habe mich in dieser Geschichte wohl gefühlt, mit einem klaren Aber. An mehreren Stellen war ich schlicht schneller als das Buch. Das Mittelstück plätschert, und meine Aufmerksamkeit ist leicht abgedriftet, weil die Handlung sich nicht genug zugespitzt hat, um mich wirklich zu halten.

Als Lektorin

Hier muss ich am ehrlichsten sein. Das Pacing ist das strukturelle Hauptproblem des Buches. Die Dramaturgie im Mittelteil ist zu weiträumig angelegt für den Konflikt, der dort steckt. Wenn die Außenhandlung, also die Frage, ob Caitlins Ruf und Lebensentwurf durch Rhys' Welt gefährdet werden, zu lange ohne spürbare Konsequenzen bleibt, verliert sie ihre Zugkraft als Erzählmotor. Die Leserin weiß theoretisch, dass etwas auf dem Spiel steht, aber sie fühlt es nicht. Das ist ein Unterschied, der über Lesezufriedenheit entscheidet, und er ist lösbar: Weniger Szenen, die die Stimmung halten, aber nichts voranbringen, mehr Momente, in denen der externe Druck konkret wird. Ein strafferes Mitteldrittel hätte aus einem guten Buch ein deutlich stärkeres gemacht.

Gleichzeitig möchte ich ausdrücklich loben, was hier beim Figurendesign passiert ist. Caitlin als Protagonistin ist eine mutige Wahl, weil alleinerziehende Mütter in der Romantik selten Hauptrollen bekommen. Und wenn doch, wird die Mutterschaft oft als Hindernis erzählt, nicht als Wesenskern. Hier ist sie beides: Teil des Konflikts und Teil dessen, wer Caitlin ist. Das ist handwerklich gut gemacht.

Als Autorin

Der Schreibstil von Karin Lindberg ist angenehm. Klar, warm, nie überladen. Die Dialoge klingen nach echten Menschen, was ich höher schätze als manche ausgefeilte Prosa. Was mich als Autorin am meisten beschäftigt hat, war die Frage, wie viel Raum die externen Konflikte bekommen. Paparazzi, Hollywood-Skandal, Rhys' Vergangenheit, das sind Elemente mit echtem Bedrohungspotenzial, und sie werden auch eingeführt, aber sie sitzen zu lange in der zweiten Reihe. Ich weiß selbst, wie schwer es ist, externe und interne Konfliktebenen gleichzeitig am Laufen zu halten. Was ich hier gelernt habe: Die äußere Bedrohung muss früher konkret werden, nicht dramatischer, sondern konkreter. Sobald eine Figur wie Caitlin wirklich etwas zu verlieren hat, darf die Geschichte das auch zeigen.

Fazit

Brombeerliebe auf Schottisch ist eine Empfehlung mit Vorbehalt. Wer Cozy-Romance mit Substanz sucht, reife Frauenfiguren schätzt und bereit ist, ein etwas breiteres Mittelteil in Kauf zu nehmen, wird hier echte Freude haben. Wer straffes Tempo und knackige Konfliktdramaturgie erwartet, könnte an manchen Stellen ungeduldig werden. Ich vergebe 3,5 Sterne, gerne und ohne zu zögern, weil Lindberg etwas macht, das ich mir öfter wünsche: Sie traut ihrer Figur ein Leben zu, bevor sie ihr die Liebe schickt.

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